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Kurzschnitt

Jan RuschkeKurzschnitt

Jan Ruschke

Jan Ruschke, Foto: privat

Kein Produzent stellt dich aufgrund eines tollen Kurzfilms ein.

Hamburg 28.01.2016

Der Editor Jan Ruschke über Preise, Kurzfilme und das Bauchgefühl bei der Montage

Wie bist Du zum Filmschnitt gekommen? Magst Du kurz etwas darüber erzählen?

Wahrscheinlich beginnen so viele Geschichten: Ich war immer fasziniert von Filmen, ganz besonders weil ich in meiner Kindheit so gut wie keine sehen durfte. Bei Freunden mit weniger strengen Eltern bekam ich aber später reichlich Gelegenheit alles nachzuholen, und für mich war klar, dass ich beim Film arbeiten muss.

Wie viele Editoren wollte ich anfangs Regisseur werden. Ich habe mich um Praktika bemüht, damit ich die Voraussetzungen für die Filmhochschulen erfüllen kann, und bin so bei einer Hamburger Werbefilmproduktion in der Postproduktion gelandet. Das Technische hat mich damals gar nicht so interessiert, aber ich durfte die Making-Ofs schneiden. Der Postproduktionsleiter hat damals schon zu mir gesagt: „Sobald du am Schneidetisch sitzt, hast du ein Riesenlächeln im Gesicht. Das scheint irgendwie dein Ding zu sein.“ Und natürlich hat mir das Schneiden total Spaß gemacht, aber ich hatte bis dahin nie darüber nachgedacht, das mal beruflich zu machen. Aber das war irgendwie der Anfang. Ich habe dann noch mehrere Praktika gemacht und immer darauf geachtet, dass ich in der Postproduktion lande und schneiden kann. Irgendwann habe ich beschlossen, Editor zu werden und beim NDR ein „Cutter-Volontariat“ gemacht. Und dann ist alles seinen Lauf gegangen, und ich bin jetzt freiberuflicher Editor.

Wie ging es dann weiter? Hast Du schnell Fuß fassen können?

Nach der Ausbildung wollte ich erst mal so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen und so viel schneiden, wie es geht, um mein eigenes Geld zu verdienen. Ich haben viele Doku-Soaps geschnitten, da ging es hauptsächlich um Geschwindigkeit. Heute merke ich, dass ich dabei vor allem gelernt habe, schnell und präzise zu arbeiten.
Je länger ich jedoch in diesem Beruf arbeite und je mehr ich in den Spielfilm-Bereich rutsche, desto mehr habe ich endlich den Luxus, den ich mir damals immer gewünscht habe: Dass man mal Zeit hat, jeden Schnitt zu überlegen und erst zur nächsten Szene zu springen wenn man 100% zufrieden ist und das Gefühl hat, alle Möglichkeiten des Materials ausgeschöpft zu haben. Während meines Volontariats zum „Cutter“ landete ich auch in Ludwigsburg, wo ich den Schnitt am Steenbeck gelernt habe und daher weiß, was es bedeutet, jeden Schnitt zu hinterfragen, weil man tatsächlich ein physischen Schnitt im Film macht. Allerdings ist der Schritt von der Dokumentation und TV-Reportage zum Spielfilm ein ziemlich großer und es hat Jahre gedauert in diesem Bereich halbwegs Fuß zu fassen. 

Geht man bei Dokumentarfilmen anders an die Montage heran?

Generell würde ich sagen, dass man beim Dokumentarfilm wesentlich mehr Freiheiten hat und deshalb auch kreativer arbeiten kann. Deswegen hab ich da auch großen Respekt vor, das ist schon die Königsklasse. Da hängt einfach sehr viel mehr von den Entscheidungen des Editors ab.
Manchmal hast du 80 Stunden Material, aber es gibt kein Thema, keinen roten Faden, den musst du erst finden und die Suche kann sich über Monate ziehen. Das kann total Spaß machen, ist aber manchmal auch unglaublich anstrengend. Beim Spielfilm steht die Story im Vordergrund, da geht man wesentlich planvoller vor, das ist schon ein ganz anderes Arbeiten.

Eine Arbeit, deren kreative Leistung viele Leute gar nicht erkennen...

Tatsächlich ist es für Außenstehende oft schwer zu begreifen, was den Beruf des Editors eigentlich ausmacht. Viele denken: Da muss man ja nur drei oder vier Einstellungen zusammen schneiden, was kann daran so schwierig sein.
Aber wenn man mal jemand neben sich sitzen hat, der mit Schnitt nie etwas zu tun hat, dann gibt es häufig überraschte Gesichter. Beziehungsweise merkt man oft viel Unverständnis darüber, wie man diesen Beruf überhaupt machen kann – diese kleinteilige Arbeit, das stundenlange Herumfummeln an einzelnen Frames oder an einem Bild. Da muss man echt ein Faible für haben, das muss man mögen. Und das ist bei mir zum Glück so.

Und Du bist gut in Deinem Beruf. Der Film »Sadakat« von Regisseur Ílker Çatak, den Du geschnitten hast, hat in diesem Jahr den Studenten-Oscar erhalten. Wie bist Du zu dem Projekt gekommen, und kannst Du Dich noch erinnern, wie Du von der Auszeichnung erfahren hast?

Für Regisseur Ílker Çatak habe ich schon während meiner Zeit an der Hamburg Media School viel geschnitten, von daher war es klar, dass wir auch diesen Film zusammen machen. Ein oder zwei Tage vor der offiziellen Bekanntgabe der Preisträger rief mich ?lker an und sagte, dass wir sehr wahrscheinlich den Studenten-Oscar in der Tasche hätten. Das konnte ich kaum glauben. Wir waren zwar bereits nominiert, aber dass man wirklich unter die ersten Drei kommt, damit hätte keiner im Team gerechnet. Vor allem nicht, als wir den Film gedreht haben. Das war alles relativ spontan, das Drehbuch ist sehr kurzfristig entstanden und die Fahrt nach Istanbul war ganz schön heikel. Dass wir soweit kommen werden und beim Studenten-Oscar landen, das hätte damals niemand zu hoffen gewagt. Das war echt abgefahren.

Darüber hinaus hast Du für Deine Arbeit an »Sadakat« auch noch den Deutschen Kamerapreis für den besten Schnitt erhalten. Glückwunsch auch dazu. Wie war das?

Das war wirklich irreal: Zur Verleihung zu fahren, dort auf die Bühne zu gehen und eine kleine Dankesrede halten zu können, ist mal was ganz Anderes, als allein oder mit dem Regisseur im Schnittraum zu sitzen. Eigentlich suchen sich viele Editoren ihren Beruf auch deshalb aus, weil sie ungern Mittelpunkt stehen. Das ist natürlich das absolute Gegenteil davon. Aber im Nachhinein war es die ganze Aufregung wert und ich konnte endlich mal großartige Kollegen wie Hansjörg Weißbrich kennenlernen. 

In gewisser Weise teilen Editoren und Kurzfilme auch ein ähnliches Schicksal. Denn Kurzfilme haben im hiesigen Filmbusiness häufig kein richtiges Forum...

Kurzfilme werden leider wirklich nicht ernst genommen. Kein Produzent stellt dich aufgrund eines tollen Kurzfilms ein, um einen Spielfilm zu schneiden. Ich hatte jetzt das Glück, dass ich die Produzentin des Spielfilms, den ich gerade schneide, schon länger kannte. Aber generell ist es sehr schwierig. Ein toller Kurzfilm hilft dir nicht wirklich, beim Spielfilm Fuß zu fassen. Es ist sehr schade, dass es so schwierig für Assistenten oder junge Editoren ist, in diesen Bereich zu kommen.

»Sadakat« handelt von einer Ärztin, die einen Demonstranten versteckt und dadurch ins Visier der Polizei gerät. Ihr habt an Originalschauplätzen gedreht. Wie waren die Dreharbeiten? Warst Du mit vor Ort?

Ich bin mit nach Istanbul geflogen, wir hatten dort drei Wohnungen gemietet, die sich das Team geteilt hat. In einem Zimmer habe ich mir meinen Schnittplatz eingerichtet. Ich hatte ab und an die Möglichkeit, ans Set zu gehen und mir kleine Szenen zu wünschen, wenn ich das Gefühl hatte, dass ich noch etwas brauche, um das Gefühlsleben der Protagonistin zu verdeutlichen.

Das ist ein großer Luxus, sich Szenen wünschen zu können. Was wiederum bedeutet, dass Du und der Regisseur euch gegenseitig sehr vertraut.

Das ging schon mit dem ersten Drehbuch-Entwurf los, dass man sich ausgetauscht hat. Ich konnte also von Anfang an meine Kommentare zum Drehbuch abgeben. Manchmal fallen mir zu bestimmten Szenen Bilder ein, die ich gerne hätte. Darauf konnte der Regisseur Rücksicht nehmen, und vielleicht hat der Film auch deshalb einen bestimmten Rhythmus. Weil wir schon sehr früh, bevor die erste Klappe fiel, überlegten: Wie ist der Rhythmus und was für Bilder brauchen wir für bestimmte Szenen.

Die Situation vor Ort war aufgrund der Proteste einigermaßen angespannt. Musstet Ihr besonders vorsichtig sein beim Drehen?

Die Demonstration im Film ist echt, aber die Szenen, in denen die Protagonistin durch die Massen läuft, haben wir später gedreht. Wir haben das vorher mit unserer Produzentin durchgespielt und geschaut, wie wir ihre Blicke mit der Demonstration verbinden können.
Gerade bei der Demonstration haben wir recht unauffällig gedreht, da waren nur der Kameramann und der Regisseur mit einer kleinen Kamera unterwegs, aber trotzdem wurden sie relativ schnell vertrieben. Aber das Drehbuch war, wie der Film ja letztlich auch, nicht offensichtlich politisch, das findet ja eher im Subtext statt. Deshalb sind wir ein bisschen „unter dem Radar geflogen“ und konnten uns glücklicherweise relativ frei bewegen.

Es ist zwar eine fiktive Geschichte, aber es ist ja trotzdem ein starker Bezug zur Realität vorhanden. Da muss man ja auch im Schneideraum glaubwürdig bleiben.

Absolut. Wir haben mit der Aussage, die wir mit dem Film treffen, eine große Verantwortung. Auch wenn der Film relativ offen ist, war klar, dass wir aufpassen müssen. Deswegen haben wir uns dem Thema vorsichtig genähert, nicht zuletzt vor allem auch mit Blick darauf, dass uns vielleicht die Drehgenehmigung entzogen wird. Das war ja auch ein großes Risiko für die Hamburg Media School, uns überhaupt dahin zu schicken.

Du hast den Film auf Türkisch geschnitten. Wie war das, in einer fremden Sprache zu schneiden?

Ich habe mich natürlich auch im Vorfeld gefragt, ob das überhaupt klappen kann und ob es Sinn macht, einen Film zu schneiden, dessen Sprache ich nicht spreche. Ich hatte ja nur das Drehbuch auf Deutsch. Aber es ging erstaunlich gut. Irgendwie ist man relativ schnell im Fluss und wenn man die Dialoge auf Deutsch kennt und sich manchmal an einer Szene stunden- oder tagelang abarbeitet, dann weiß man schon ziemlich genau, was wann gesagt wird. Das ließ sich erstaunlich gut schneiden und ich war nach dem letzten Drehtag bereits mit dem Rohschnitt fertig. Natürlich musste ich dann noch einiges mit dem Regisseur Ilker Catak korrigieren, denn es fehlten schon mal ein paar Silben oder mal ein Wort, aber ich war erstaunt, wie das instinktiv gut geklappt hat. So ein Schnitt in einer anderen Sprache zeigt ziemlich deutlich, wie wichtig das Bauchgefühl ist!