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Sebastian Thümler Projektvorstellung: Offener Schneideraum

Sebastian Thümler – Initiator des „Offenen Schneideraums“

12.06.2018

 

Die Idee, einen Raum zum Wissensaustausch zu schaffen, hatte Sebastian Thümler schon lange im Kopf.  Mit dem „Offenen Schneideraum“ möchte er den kollegialen Austausch und das Netzwerken unter Editoren stärken. Der preisgekrönte Editor schneidet ausschließlich Spielfilme für Kino und Fernsehen. Zudem ist er Dozent, unter anderem an der Hamburg Media School. 2016 hatte David Fabra aus Frankfurt  ihn gefragt, ob er ihm mal direkt beim Schnitt über die Schulter schauen könnte. Das war der Anstoß zum „Offenen Schneideraum“. 2017 startete Sebastian Thümler einen Aufruf im BFS-Forum, der auf viel positive Resonanz stieß. Editor Michael Münch nutzte die Chance und war eine Woche lang zu Gast in Thümlers Schnittplatz in Hamburg. Eine bereichernde Zeit, bei der beide voneinander profitierten und neue Impulse für das Filme machen bekamen.

In diesem Interview schildert Sebastian Thümler seine Eindrücke des ersten „Offenen Schneideraums“, der der Auftakt für weitere Tandem-Projekte in ganz Deutschland ist.

Warum hast Du Dich entschlossen, die Türen zu Deinem Schnittraum zu öffnen?

Na ja, das liegt in der Natur der Sache. Die meisten Editoren sind allein an ihrem Schnittplatz. Editoren sind auf sich gestellt. Sie sitzen vor einem Berg von Material. Da ist üblicherweise kein Kollege im Nachbarbüro, der auch an dem Projekt arbeitet. Es gibt Niemanden, den man mal schnell um Rat fragen kann. Manchmal arbeitet man eng mit einem Assistenten, aber erst in der finalen Phase mit dem Regisseur zusammen.  . „Learning by doing“ ist angesagt, um in der Praxis zu bestehen. Es gibt zwar einige Interviews mit den Stars der Szene – auch aus Hollywood, die über ihren ersten Schnitt, die Musikvertonung oder besondere Schnittdramaturgien berichten. Doch letztlich bekommt man als Editor wenig Impulse von außen. Da muss man schon selbst aktiv werden.

Und wie funktioniert der Offene Schneideraum?

Dafür gibt es kein formales Modul. Es geht darum, sich eine Zeit lang mit einem Kollegen auf Augenhöhe auszutauschen – und zwar direkt am Schnittplatz im normalen Schnittprozess. Das Wichtigste ist der Praxisbezug. Das kann ganztags oder auch nur ein paar Stunden sein. Das hängt sicherlich auch davon ab, ob beide Editoren aus derselben Stadt kommen oder ob einer extra anreisen und übernachten muss. Für mich beschränkt sich der Offene Schneideraum auch nicht nur auf Newcomer, die auf alte Hasen treffen. Mir geht‘s ums Netzwerken und die fachliche Auseinandersetzung. Als Editoren sind wir doch alle in dergleichen Situation: Wir müssen uns Informationen und Inspirationen für unsere Arbeit suchen. Die kriegen wir nicht systemimmanent. Der Offene Schneideraum ist einfach ein weiteres Angebot, sich unter Kollegen fachlich und menschlich zu unterstützen.

Welche Vorteile siehst Du persönlich in dem Projekt?

Einerseits bekomme ich mehr Input, um mich und meine Schnitttechniken weiterzuentwickeln. Andrerseits bin ich einfach neugierig, wie andere arbeiten. Jeder hat seinen eigenen Ansatz, je nachdem aus welchem Bereich er kommt. Jeder hat andere Vorstellungen vom Filme machen. Ob TV- oder Spielfilm, Animations-, Musik- oder Werbeclip, es ist so unterschiedlich, wie man an einen Film rangeht, wie man mit dem Material umgeht und welche Techniken und Programme man einsetzt. Sich intensiv mit anderen auseinanderzusetzen, deren Sicht- und Arbeitsweise zu verstehen, bringt einen selbst auch weiter. Besonders bei einem langen, narrativen Schnittprojekt ist der Blick mit vier Augen hilfreich. Wenn man die Tür aufmacht und andere in seine Welt lässt, kann das unheimlich belebend sein.

Aber es ist doch eine echte Vertrauenssache, Jemanden so nah an sich heranzulassen.
Das stimmt. Der Schnittplatz ist ein intimer Raum, in dem man konzentriert arbeitet und eng aufeinander hockt. Filmschnitt ist nicht nur ein Handwerk, sondern auch ein kreativer Prozess, der viel Fingerspitzengefühl, Entscheidungsfähigkeit und Experimentierfreude erfordert. Schließlich bedeutet Schnitt, die Emotionen in einem Film zu gestalten. Im Filmschnitt geht es immer um Gefühle. Das ist per se ein intimer Prozess. Jeder Editor entwickelt seine eigene Methode, damit umzugehen. Doch meine Erfahrung – auch als Dozent – hat mir gezeigt: Je mehr wir unser Wissen und Können miteinander teilen, umso mehr können wir voneinander lernen. Das ist übrigens unabhängig von Alter und Genre. Jeder bringt seine persönlichen Erfahrungen mit ein. Meistens sind es die kleinen Tipps und Tricks, von denen wir gegenseitig profitieren können.

Hast Du ein Beispiel, bei dem Dir Jemand einen entscheidenden Tipp gegeben hat?

Ich hatte mal einen isländischen Film mit englischen Untertiteln zu schneiden und stand vor der Frage, wie ich das am besten umsetze. Diese Frage habe in der Facebookgruppe des Verbandes gestellt. Dort nannte mir ein Kollege eine ganz einfache Tastenkombination, die mein Problem gelöst hat. Allein wär ich da so schnell nicht drauf gekommen oder ich hätte viel Zeit für die Recherche aufbringen müssen, denn mir war diese Möglichkeit trotz meiner langjährigen Erfahrung nicht bekannt. Die Weisheit der Vielen zu nutzen, ist durch die Social Media Kanäle so einfach geworden. Das ist übrigens auch ein echter Vorteil des BFS. Ich möchte dieses starke Netzwerk nicht mehr missen. Den fachlich fundierten Austausches kann ich nur jedem Editor empfehlen, nicht nur in Bezug auf Honorar- und Karrieretipps, sondern auch auf der menschlichen, kollegialen Ebene.

Die Weisheit der Vielen ist ein gutes Stichwort. Kannst Du Dir vorstellen, dass der „Offene Schneideraum“ Schule macht?

Das wär klasse. Man muss nur die Türen öffnen. Der Austausch unter Kollegen ist echt inspirierend. Ich werde den Offenen Schneideraum in jedem Fall wieder anbieten. Bei manchen Projekten ist das natürlich nicht machbar, aber wenn es terminlich und inhaltlich passt, warum nicht. So ein paar Schnuppertage zum Fachsimpeln sind bereichernd für beide Seiten. Ich kann Jedem nur empfehlen, sich seine Experimentierfelder zu suchen und so viel Praxiserfahrung wie möglich zu sammeln.

Durch die Digitalisierung gibt es heutzutage so viele neue Möglichkeiten und Techniken, gute Filme zu machen. Jeder muss selbst die Initiative ergreifen, um interessante Netzwerkpartner zu finden. Einzelkämpfer ist man in unserem Beruf sowieso. Ich würde mich sehr freuen, wenn auch andere Editoren den Offenen Schneideraum anbieten und in unserem Forum über ihre Erfahrungen berichten. Das kommt dann allen zugute.

Danke für das Interview, Sebastian. Natürlich haben wir auch Michael Münch nach seinen Erfahrungen gefragt, der drei Tage lang zu Gast bei Dir war.

Was hat Dir der „Schulterblick“ bei Sebastian gebracht?
Da ich als Junioreditor momentan noch selten die Gelegenheit habe professionell produziertes Spielfilmfootage zu einem Langfilm zu schneiden, war es spannend, direkt mit Sebastian in der Editsuite zu sitzen und über die einzelnen Einstellungen und Takes zu sprechen. Als Editoren sitzen wir ja meist alleine im Schnitt, entweder in der Funktion des Editoren oder als Schnittassistent. In meinen bisherigen Erfahrungen als Schnittassistent bei Langfilmprojekten, war ich leider wenig in die kreative Arbeit mit eingebunden. Wenn ich selbst als Editor an einem Langfilm gearbeitet habe, wäre der Dialog mit Kollegen während des Projekts definitiv sehr interessant für mich gewesen.

Hast Du etwas für Dich lernen können?
Ich denke dass es generell sehr fruchtbar ist, wenn wir die Möglichkeit haben zu zweit an größeren Projekten zu arbeiten. Im Fall des „offenen Schneideraums“ konnte ich Sebastian jetzt natürlich nicht direkt als ebenbürtiger Partner unterstützen, aber er hatte trotzdem ein offenes Ohr und war immer gesprächsbereit für meine Fragen und Ideen. So sind auch kleine und größere Tipps von ihm zu unserem Handwerk immer wieder während der drei Tage eingeflossen.

Würdest Du das Projekt „Offener Schneideraum“ weiterempfehlen?
Ich denke, diese Möglichkeit ist besonders für junge Editoren spannend und wichtig, da man zum Einen den Workflow in einem professionellen Postproduktionsumfeld sehen kann. Zum Anderen aber eben auch Fragen zum kreativen Prozess des Schnitts stellen kann. Für mich persönlich war es schön mit Sebastian und Bine (Schnitt Assistentin bei diesem Projekt) zwei Kollegen kennen gelernt zu haben mit denen ich mich auch in Zukunft austauschen kann. 

Das Interview führte Andrea Stanke von Heart Worx