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Maria Dragus als “Vanilla” und Ella Rumpf als “Tiger” in TIGER GIRL. Copyright: © 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Fogma

Maria Dragus als “Vanilla” und Ella Rumpf als “Tiger” in TIGER GIRL. Copyright: © 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Fogma

Gesa Jäger über TIGER GIRL

Berlin 29.03.2017

 

Die Filmeditorin Gesa Jäger stellt eines ihrer aktuellen Projekte vor. Sie hat den Film TIGER GIRL geschnitten, der auf der diesjährigen Berlinale zu sehen war und am 06.April in die Kinos kommt!

1. Welches ist für dich persönlich die stärkste Szene in dem Film?


Die U-Bahn-Prügelei - also der erste heroische Auftritt von Tiger! Das ist eine Szene, in der ich mich schnitttechnisch ziemlich austoben konnte. Ich habe vorher noch nie choreografierte Szenen mit Stunt-Leuten geschnitten und hatte wirklich Respekt davor, diese Action mit der Improvisation zu verbinden. Das hat dann aber großen Spaß gemacht, auch weil das Ausgangsmaterial toll war - von Timon Schäppis Kamera (der über Kopf-Shot mit der Drehung... da hab' ich vor Freude laut gequietscht beim Sichten!) über die angstfreie Tiger (Ella Rumpf), die da richtig mitgekämpft hat bis hin zu den gut ausgeführten Stunts. Wir haben im Feinschnitt dann noch in den Bewegungen von Tiger einzelne Frames rausgenommen, damit sie sich schneller und unberechenbarer bewegt, das macht eine Menge aus.
Über diese Szenen hinaus gibt es aber noch einige andere Sequenzen, die ich immer wieder gern sehe, z.B. die "Level 2"-Phase wenn Tiger und Vanilla im Einkaufscenter Taschenkontrollen durchführen und am Ende austesten, wie weit sie dabei gehen können.

2. Welche Szene hat Dich am meisten Arbeit gekostet?


Ich glaube, ich kann das gar nicht auf eine einzelne Szene beschränken. Was mich bzw. uns am meisten Arbeit gekostet hat, war das Formen der Figuren - ihren Entwicklungen einen nachvollziehbaren Fluss zu verleihen. Bei einem Impro-Film decken die SchauspielerInnen mit ihrem Spiel in den Szenen ja viel mehr ab als bei einem Film mit konventionellem Drehbuch, weil nie ganz klar ist, an welche Stelle des Films eine Szene am Ende wandern wird. Das heißt, es gibt vielleicht im Spiel einen tollen, magischen Moment, um den man die Szene baut - später im Prozess merkt man aber, dass diese Eigenschaft der Figur so früh oder spät im Film gar nicht zur Entwicklung passt und: zack - fällt plötzlich die ganze Szene und man fängt wieder von vorn an.
Wir haben dafür Grafiken gebaut, in denen wir z.B. die Stärke jeder der beiden Figuren pro Szene farblich dargestellt haben um einen Überblick zu gewinnen, wie die Entwicklung der Figuren genau ist. Dann haben wir unsere Wünsche an die Entwicklung daneben gestellt und sind dann sehr genau an jede Szene heran gegangen, haben jede Aussage und die Haltung der beiden Schauspielerinnen überprüft und versucht, in die von uns gewünschte Richtung zu arbeiten.

3. Was war besonders an der Zusammenarbeit mit dem Regisseur?


TIGER GIRL war für mich die zweite Zusammenarbeit mit Jakob Lass und zurzeit arbeiten wir schon am dritten gemeinsamen Film. Es ist toll zu merken, wie das Vertrauen wächst und dass wir inzwischen wissen, wann wir uns Raum geben und wann in die konzentrierte, gemeinsame Arbeit gehen müssen, damit wir am besten voran kommen.
Wir sprechen viel darüber, wie wir arbeiten wollen und wenn wir nicht weiter kommen oder verkrampfen, weil der Druck zu groß ist, können wir auch einfach gemeinsam was Albernes oder Lockerndes machen.
Jakob ist auf jeden Fall jemand, der die Montage liebt und weiß, welches Gewicht im Impro-Film auf ihr liegt. Deshalb ist für uns beide ein langer Schnittzeitraum - wie in diesem Fall gut neun Monate - sehr wichtig.
Das war schon bei LOVE STEAKS so und hat sich nun bei TIGER GIRL wiederholt: Jakob treibt mich dazu an, all die "Schnitt-Regeln", die aus Ausbildungszeiten und der Seherfahrung in meinem Unterbewusstsein verankert sind zu überwinden und mich nicht zu fragen "Geht das?" oder "Darf ich das?", sondern "Was bewirkt das?".

4. Und warum sollte man sich den Film unbedingt im Kino ansehen?


Es ist schwer, die Frage zu beantworten, ohne zu viel zu verraten. Für mich geht es um Selbstbewusstsein und Selbstermächtigung. Darum, Dinge erreichen zu können, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie in einem stecken - und trotzdem demütig zu sein.
Wem gerade nach einem Film ist, der vor Kraft strotzt, unkonventionelle Wege geht und das System, in dem wir uns bewegen infrage stellt ohne dabei pädagogisch zu sein, sollte sich TIGER GIRL jedenfalls unbedingt ansehen!

#BFSfilmtipps