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"Die Bauretter" © RTL2 Fernsehen GmbH & Co. KG

Matthias Costantini berichtet von der Schnittarbeit an einem Doku Soap Format

Filmeditor/in:  Matthias Costantini

Berlin 05.07.2017

 

Matthias Costantini berichtet von den Tücken, Herausforderungen und Freuden der Schnittarbeit an einem Doku Soap Format.  Er stellt uns sein Projekt „Die Bauretter“ vor. „Die Bauretter“ ist eine erfolgreichen TV Serie, die seit 2011 auf RTL 2 zu sehen ist. Jede Folge erzählt davon, wie ein Architekt und eine Rechtsanwältin sowie verschiedene Handwerker aus der Region Baumängel an Einfamilienhäusern innerhalb von 6 Tagen beheben.

 

Was sind die Herausforderungen bei der Arbeit am Doku Soap Format?

Matthias Costantini: Die größte Herausforderung beim Schnitt einer Dokusoap ist in erster Linie die Organisation des Materials und die kurze Zeit, die man zur Verfügung hat, um eine Sendung fertig zu stellen. Auch ist es oft eine Kunst eine spannende, emotionale und informative Geschichte zu erzählen. Denn bei aller Vorbereitung, Planung und Recherche passiert vor Ort beim Dreh doch vieles anders als geplant. Diese Dinge müssen dann im Schnitt erst zu einer Geschichte geformt werden. Mit einer Dokusoap verhält es sich wie mit einem Dokumentarfilm: Der Film entsteht zu einem großen Teil erst im Schnitt.

 

Wie lange arbeitest du an einer Folge von „Die Bauretter“?

Matthias Costantini: Für den Schnitt einer Folge der „Bauretter“, mit einer Sendelänge von 90 Minuten, brauche ich zwischen 16 und 18 Schnitttagen. Je nach Menge des Ausgangsmaterials. Dazu kommen dann noch die Farbkorrektur, die Vertonung und die Erstellung des Masters.

 

Du hast vermutlich mit einer großen Materialmenge zu kämpfen, wie gehst du vor?

Matthias Costantini: Im Durchschnitt habe ich pro Folge „Bauretter“ circa 30-40 Stunden Material durch das ich  mich kämpfen muss. Das Material ist dadurch tatsächlich die größte aller Herausforderungen und da kommt es auf eine perfekte Organisation an.
Die Bauretter unterteilen sich in einen „Bau-Strang“ und einen „Rechts-Strang“. Ich habe mir in den inzwischen über 40 Folgen der „Bauretter“ ein genaues Schema angeeignet nach dem ich jedes Mal vorgehe. Da ich das Material ungesichert bekomme, sichte ich dieses zuerst  und unterteile es gleichzeitig in einzelne „Mini Geschichten“. Zum Beispiel erstelle ich zu jeder Arbeit beziehungsweise zu jedem Arbeitsschritt auf dem Bau eine eigene Sequenz die ich in einem Bin Ablege. Schon bei diesem ersten Durchgang entscheide ich was ich im „On“ haben möchte und was nur als Bildteppich übrig bleiben soll. Ich sortiere also schon beim ersten Anschauen das Material sehr genau. Die Zeit, um alles ein zweites Mal anzuschauen bleibt mir nicht.Wenn ich dann jede Szene des Bau- und Rechtsstrangs in einzelnen Sequenzen habe, beginne ich die Dramaturgie des Films zu bauen. Im Allgemeinen ist es dann so, dass ich das gesamte Material und auch schon die erste Idee des Films im Kopf habe. Somit muss ich die einzelnen Szenen beziehungsweise Sequenzen „nur noch“ hinter einander schneiden, Musik und Effekte hinzufügen, fein schneiden und kürzen,  bis sie für mich zusammenpassen und stimmig sind.

 

Wie strikt sind die Vorgaben beim Doku Soap Format? Sitzt die Regie oft mit im Schneideraum? Oder mehr die Produzenten?

Matthias Costantini: Pauschal ist das nicht zu beantworten. Es gibt sehr stark formatierte Dokusoaps, in die man kaum den Ablauf jedoch die einzelnen Segmente stark beeinflussen kann, und dann gibt es Formate, bei denen man als Editor sehr viele Freiheiten hat und nur durch „äußere“ Umstände einen Rahmen vorgegeben bekommt (zum Beispiel ist man bei den „Baurettern“ an die zeitliche Abfolge des Baufortschritts gebunden). „Die Bauretter“ schneide ich fast ohne Regie/Redaktion an meiner Seite. Ich treffe gestalterisch eine Auswahl bei Bild-, Schnitt- und Musikkomposition, spreche jedoch die Inhalte der einzelnen Kapitel mit dem Redaktionsleiter ab und lasse Sie mir dann nach und nach abnehmen.
Auch bespreche ich mich mit dem Redaktionsleiter bei kniffligen Fragen, vor allem im Bereich des Rechts.
Gemeinsam wird am Ende der Schnittzeit der von mir fertiggestellte Film noch einmal vom Redaktionsleiter abgenommen und besprochen wo noch Dinge zu verbessern sind. Bei vielen Dokusoap Formaten genießt man als Filmeditor große gestalterische Freiheiten.

 

Was ist in deinen Augen der größte Unterschied zwischen der Schnittarbeit an einem Kinospielfilm und der an einer Doku Soap?

Matthias Costantini: Mein letzter Kinofilm ist zwar schon eine Weile her, aber ich würde sagen, dass der größte Unterschied zu einer Doku die Zeit ist. Während ich beim Kinofilm viele Nuancen  einer Szene immer wieder verfeinern kann, viel Zeit in die Suche nach den besten Momenten, der besten Einstellung, dem besten Erzählrhythmus investieren kann - immer auf der Suche danach, meine Geschichte noch runder, noch aussagekräftiger zu machen - muss ich dies bei einer Dokusoap in sehr viel kürzerer Zeit schaffen.