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Annette Muff: Montage von langen Dokumentarfilmen (29.4.2021)

Vor 26 Jahren habe ich „meinen“ ersten Film geschnitten. Es war ein Dokumentarfilm. Mit wenigen Ausnahmen bin ich immer dabeigeblieben. Denn die Herausforderung finde ich einfach zu gut! Es gibt kein Drehbuch, vieles ist offen. Und mit dem Dokumentarfilm entdeckt man fremde Welten und Menschen und kann sich mit spannenden, aktuellen Themen auseinandersetzen – ich „war“ z.B. schon zweimal in Afghanistan, ein paarmal in Afrika, in Indien, in Bhutan, in Syrien, in Jerusalem und zweimal bei der Bundeswehr...

 

Man sagt, der Dokumentarfilm entsteht im Schneideraum. Das kann ich bestätigen. Damit das gelingt, lege ich viel Wert darauf, dass ich mein Material gut organisiere. Seit einigen Jahren habe ich immer größere Materialmengen, weit über 100 Stunden ist die Regel, nicht mehr die Ausnahme. 

Anstatt das komplette Material am Stück zu sichten, ziehe ich es vor, mir einen Überblick zu verschaffen und mein Material dann szenenweise zu schneiden. Ich sichte das Material für die jeweilige Szene komplett und bespreche mit der Regie die Dramaturgie der Filmerzählung und die Funktion der Szene. Beim Sichten mache ich mir sehr viele Notizen, sowohl als Locator im Schnittprogramm als auch handschriftlich. Und ich habe ein Zeichensystem wie ich bewerte, was ich gut finde oder auch nicht. Beim Schneiden mustere ich zuerst immer akribisch aus, damit ich nichts übersehe.

 

Der lange unformatierte Dokumentarfilm bietet vermutlich die größte gestalterische Freiheit für die Montage. Eine schlüssige Filmerzählung, also die Dramaturgie, ist für mich essenziell. Ich liebe es Geschichten zu erzählen und lange Gespräche und Interviews zu kleinen prägnanten Szenen zu verdichten, wie im Film über Mario Adorf. Und ich liebe es mit Musik, Geräuschen und Atmos zu arbeiten. Und auch wie im Film „Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, mit dem Tempo und Rhythmus der Filmerzählung zu spielen.

Besonders wichtig ist mir auch der verantwortungsbewusste Umgang mit den Protagonist*innen, denn sie schenken uns einen Einblick in ihr Leben und der Film kann auf ihr „echtes“ Leben zurückreflektieren.

Das alles braucht Zeit. Leider sind seit vielen Jahren die Schnittzeiten häufig zu kurz kalkuliert - oft nur 12 bis 16 Wochen, man braucht aber meistens doppelt so viel - und man liefert deshalb entweder einen unfertigen Film ab oder verdient sehr wenig. Die Flucht ins Fernsehen ist oft auch keine Lösung, denn hier gibt es seit einiger Zeit fast nur noch sogenannte „formatierte“ Sendeplätze. Das ist für dokumentarisches Arbeiten oft sehr unbefriedigend, weil man die bunte Vielfalt der Realität in ein formales Korsett packen muss. Mit noch weniger Schnittzeit. Die 24h-Projekte, die ich geschnitten habe, waren da eine gute Alternative, denn hier hatten wir die Möglichkeit, unser Format selbst zu entwickeln.  Aber diesen Luxus gibt es leider nicht allzu oft.

 

Vielleicht sollte ich anfangen Spielfilme zu schneiden......?