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Der BFS trauert um Thomas Wellmann

|   Magazin

Unser Kollege und BFS-Mitglied Thomas Wellmann ist tot. Wie wir gestern erfahren haben, starb er am 4. November 2022 nach längerer Krankheit in Berlin. Das folgende Gedenken wurde am 13. Dezember auf seiner Abschiedsfeier in Berlin verlesen. Der Regisseur Jean Boué erinnerte an Thomas Wellmann, den Editor zahlreicher preisgekrönter Filme, auch im Namen anderer Kolleg*innen. Ein Nachruf auf einen Meister des dokumentarischen Schnitts.

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Wir möchten über Thomas sprechen. Wir, das sind Autorinnen und Regisseure, die das Glück hatten mit ihm zu arbeiten. Wir möchten über Thomas sprechen, wie ihn wenige kannten. Über Thomas, den Filmemacher, der sich sein halbes Leben mit Haufenweise Tönen und Bildern in kleinen Räumen aufgehalten hat. Über Thomas, den Geschichtenerzähler. Über Thomas, den Meister des Filmschnitts, der sich Cutter nannte.

Thomas war ein organisierter Mensch. In der Früh machte er Turnübungen oder ging schwimmen. Sein Schnitttag begann nicht vor neun, und ging nicht länger als sieben. Das erste Wort jeden Morgen war „Kaffee“ und der letzte Satz des Tages meist „so, morgen mehr“. Thomas war nicht nur diszipliniert, er war strukturiert, hatte das Gespür für richtige Momente und für falsche, im undurchschaubaren Prozess einer Filmentstehung wusste er genau, wann es Zeit ist etwas zu tun oder zu lassen.

Wer mit Thomas schnitt, musste sich an Regeln halten. Eine Montage auf Musik zu schneiden war zum Scheitern verurteilt. So was ging nicht. Alles drehte sich bei Thomas um Bild und Ton, um das Verhältnis von Bild zu Information, was bei Fernsehsachen meist Text bedeutet. Bilder, die nur da waren, damit darauf Texte gesprochen wurden, nannte er liebevoll verachtend „Quatschmatte“. Solche Bildstrecken waren für jeden Filmfluss tödlich, sie waren austauschbar, immer zu lang und viel zu voll. Im übrigen, merkte Thomas stets an, hat ein guter Dokumentarfilm keinen Text.

Neuerungen und technische Spielereien haben Thomas nie interessiert. Damit hatte er sich kurz beschäftigt, Trailer und Clips geschnitten.  Aber das war nicht sein Ding. Da gab’s andere, die konnten das. Zappelfernsehen bekamst du überall, nur nicht bei Thomas. Er war ein klassischer Schnittmeister, für Titeleien oder Tricks stand er nur sehr ungern zur Verfügung. Von Schnickschnack wollte er nichts wissen. Ob ein Film funktioniert, hing für ihn nie vom Film Score, von High Definition oder Dolby Surround ab. Es zählte nur die Geschichte.

Unsere Arbeit mit Thomas fand im Stillen statt, in ruhiger unaufgeregter Sachlichkeit. Es wurden wenig Worte gewechselt. Thomas arbeitete sich akribisch durch die Bilder, und, ganz Westfale, fragte nach, wenn es wirklich wichtig war. Er hat uns verstanden, versucht die Idee, das Gedrehte und unsere Haltung zu einem Film zu bündeln. Er hat mit uns harmoniert und ermöglicht, dass unser Material zu Geschichten wurde. Männer erlebten mit Thomas wortarme Momente von „Männerfreundschaft“, Frauen fühlten sich von ihm verstanden, weil er so gesprächig war. Thomas beherrschte die Klaviatur sozialer Kompetenz und blieb dabei immer Thomas.

Thomas war geprägt von einer grundlegenden Geisteshaltung, von heiterem zivilen Ungehorsam. Er hatte diese subtile ruhige Art, war nie konfrontativ, nie verletzend.  Thomas vertrat immer eine klare Meinung, ohne je unfair oder laut zu werden. Protagonistinnen seiner Filme verteidigte er, egal, ob er sie mochte, niemand wurde je verraten. Thomas stand für ein Dasein ohne Gewalt, in dem jede und jeder seine Meinung offen äussern durfte. Er achtete die Würde jedes Menschen, Thomas war ein Humanist.  

Wir haben Jahre unseres Lebens mit Thomas in einem Zimmer verbracht, und dabei so viel mehr miteinander geteilt und voneinander erfahren als es manche von uns in ihren Beziehungen. Zu zweit im Schnitt zu sitzen ist es ein bisschen wie alleine Auto fahren. Keiner hört Dich und nichts dringt nach aussen. In diesem Schutzraum verfluchten wir die Welt, haben uns verrannt, um Sachen gestritten, waren verzweifelt über das Material, zu Tränen gerührt, und lachten zusammen immer wieder über die selben eigenartigen Dinge.

Wir waren eine Einheit. Wir sind uns so nah gewesen. Auch in Zukunft wird er bei uns bleiben, im Schnitt an unserer Seite sitzen und aufpassen, dass wir uns nicht verzetteln.  

Jean Boué, Gerold Hofmann, Sabine Jainski, John Kantara, Wilma Pradetto, Bernhard Sehne, Thomas Schadt, Eric Schulz


Dieser Nachruf wird veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Jean Boué