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Inge Schneider

Ich glaube, an meiner Arbeitsweise hat sich nichts verändert, denn jeder Film, in den ich mich stürze, ist noch immer ein schönes Abenteuer.


Ort & Datum

23.09.2013

Wo

Info

Inge Schneider


Interview mit Inge Schneider

Wie bist Du zum Filmschnitt gekommen?

Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen und wir hatten bei uns im Dorf ein Kino, da bin ich immer in die Sonntagsvorstellungen gegangen. Als Vorfilm lief dort die DEFA-Wochenschau »Der Augenzeuge«. Als ich 14 Jahre alt war gab es einen kleinen Beitrag darüber, wie in Moskau Filme geschnitten werden. Wie der Film da so durch den Schneideraum gelaufen ist – das hat mich total fasziniert. Und von da an dachte ich: Das willst du mal machen. Zu Hause haben alle gesagt: Du bist ja verrückt, mach erst mal dein Abitur, denn ich sollte Zahnärztin werden. Aber ich wollte Filme schneiden. Nach dem Abitur immer noch. Dann hab ich erst in Halle eine Anstellung als Filmkleberin bekommen und von dort bin ich nach Dresden als Assistentin für eine der ersten DDR-Serien, »Die roten Bergsteiger«. Das ging über anderthalb Jahre und dann hab ich an der damaligen Filmhochschule, der heutigen HFF Potsdam Konrad Wolf, studiert.

Also hast Du das Glück, tatsächlich in Deinem Traumberuf arbeiten zu können.

Ja, das ist für mich ein großes Geschenk. Wenn ich manchmal über mich nachdenke, ich wüsste nicht, was ich sonst beruflich machen könnte, was mir Spaß machen könnte. Ich bin da wirklich sehr eingleisig. Aber das voller Leidenschaft.

Du hast 2004 den Bild-Kunst Schnitt Preis Dokumentarfilm für »Die Spielwütigen« bekommen und 2012 für »Raising Resistance«. Würdest Du sagen, dass sich Deine Arbeitsweise über die Jahre verändert hat?

Ich glaube, an meiner Arbeitsweise hat sich nichts verändert, denn jeder Film, in den ich mich stürze, ist noch immer ein schönes Abenteuer. Natürlich hab ich mittlerweile mehr Lebenserfahrung, und ich sehe manche Dinge und die Menschen anders, und so schneide ich ja auch. Das spielt für mich eine ganz große Rolle, wie ich selbst zum Leben stehe.

Wenn du alte Arbeiten von Dir siehst, denkst Du da manchmal: Das würde ich jetzt anders machen?

Nein, ich glaube das zeichnet mich ein bisschen aus, dass ich mich immer bis zu meinem persönlichen Endstand durchkämpfe. Ich freue mich, wenn ich Filme nach langer Zeit wiedersehe, bis auf ein oder zwei, bei denen ich manche Szenen zu lang finde. Aber da gab es auch Kämpfe drum, die ich nicht gewonnen habe. Das kann man dann nicht ändern. Trotzdem ärgert mich das immer wieder, wenn ich es sehe. Klar, man könnte auch sagen: Mein Gott was hab ich mich damals aufgeregt, so schlimm ist es ja gar nicht.

In »Raising Resistance« geht es um die Monopolisierung von genmanipuliertem Soja und die globalen Auswirkungen davon. Mit welchen Schwierigkeiten ist man bei so einem komplexen Thema im Schneideraum konfrontiert?

Als mir das Projekt angetragen wurde hatte ich ein wenig Angst vor so einem »Umweltfilm«. Ich schau mir solche Filme ja auch manchmal an und komme dann oft mit einem schlechten Gefühl aus dem Kino. Und so was kannst Du nicht machen, dachte ich. 

Schließlich habe ich doch zugesagt und hatte plötzlich einen Haufen Material. Zudem war das meiste auf Guaraní. Obwohl ich ein gutes Sprachgefühl habe ist es sehr schwierig, einen Film in einer mir völlig unbekannten Sprache zu schneiden.

Ich hab eine ganz bestimmte Art, wenn ich deutsche Sprache schneide, das manipuliere ich dann schon. Also nicht gegen das Dokumentarische, aber ich stelle mir die Sätze oft schon so zusammen, wie ich sie brauche, damit sie den inhaltlichen Kern treffen.

Wenn ich dann von soviel Material in einer anderen Sprache überflutet werde, hab ich schon oft gedacht: Das machst du diesmal nicht, du lässt es einfach laufen. Du suchst keine neuen Worte, damit man noch einen Satz anhängen kann, weil man ihn einfach für den Übergang braucht, damit das nächste Bild optimal aufgeladen ist. Denn manchmal hab ich die Sätze nicht so, wie ich sie eigentlich aufgrund der erarbeiteten Dramaturgie bräuchte. Ich hatte mir also diesmal ganz fest vorgenommen mit der Sprache nicht herum zu laborieren. Das ist zu kompliziert, dachte ich mir. Ich hab's dann doch gemacht.

Und dann musstest Du noch dem globalen Sachverhalt gerecht werden...

Dieser globale Aspekt kam später dazu, denn wir haben schnell gemerkt, dass das nicht so ein kleiner Campesino-Film werden darf. Das Thema ist so groß, wir brauchten die Wissenschaftler, die Banken, den Konsum, diese ganzen Zahlen halt. Es war schwierig, all diese Aspekte in das erarbeitete Grundgerüst einzufügen, ohne dass die Emotion für unsere Geschichte verloren geht, denn wenn die globalen Aspekte ausufern, fragt man sich schließlich, in welchem Film man sich überhaupt befindet.

Erst viel später kam die Idee, unsere Kernsequenz quasi zu teilen, was dem Ganzen dann zu einem neuen Aufbau verhalf und dem Film eine viel größere Kraft verlieh. Endlich kam die ganze Geschichte zum Strahlen. Und ich war damals sehr froh, dass ich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr nur sehen sondern, auch fühlen konnte.

Zudem ist es schön zu sehen, was der Film bewirkt hat. Geronimo erhielt als Kämpfer für den Erhalt der Menschenrechte den mit 7000 Euro dotierten »Golden Butterfly« auf dem Movies That Matter Filmfestival in Den Haag. Er wird von etlichen Bauernverbänden Europas eingeladen und unterstützt. Er konnte zweimal nach Europa reisen, er konnte das Meer sehen, er konnte vom Preisgeld einen Lastwagen kaufen, sein Sohn konnte studieren, generell wird er in Paraguay nun ganz anders angesehen. Dass ein Film so etwas auslösen kann, macht mich glücklich.

Was fasziniert dich daran Dokumentarfilme, also die »Wirklichkeit«, zu schneiden?

Ich komme dabei immer wieder in andere Welten. Diese Menschen gibt es ja wirklich. Und sie sind dann auch in mir drin, die verlassen mich nicht. Manchmal finde ich das allerdings auch anstrengend. Zum Beispiel bei »Meine Freiheit, deine Freiheit«. Ich liebe diesen Film sehr, aber er war auch sehr nervenaufreibend. Und er ist es immer noch, weil Diana Näcke, die Regisseurin, den Kontakt zu den Frauen noch immer aufrecht erhält. Wann immer es denen nicht gut geht, kriege ich das mit...

»Meine Freiheit, deine Freiheit« gibt einen sehr intimen Einblick in das Leben zweier Frauen im Gefängnis. Was hat man da für eine Verantwortung als Editorin? Wie findest Du den richtigen Umgang mit dem Material?

Ich spüre das einfach. In »Meine Freiheit, deine Freiheit« gibt es eine Szene mit einer Spritze. Am Anfang war ich total dagegen, das zu zeigen. Aber durch die wirklich sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Material und die Tatsache, dass das Leben der beiden Protagonistinnen während der Schnittzeit ja auch nicht stehen blieb, konnte ich fühlen dass diese Szene für das Ende des Films sehr wichtig ist und doch gezeigt werden muss. Das war also ein langer Prozess, den ich da mitgemacht habe. Am Anfang konnte ich gar nicht hinschauen. Es ist so schrecklich, aber es ist auch so wahr. Man muss es einfach so hart zeigen. Und meine allerersten Argumente, gegen diese Szene bezogen sich sehr stark auf die für mich recht unglücklich wirkende Kamera. Am Ende fand ich auch damit meinen Frieden. 

Wie sieht Deine Arbeitsweise aus? Schneidest Du mit dem Regisseur oder allein?

Das ist unterschiedlich. Fest steht, dass sich, wenn ich zu lange alleine arbeite, Einsamkeitsgefühle einstellen. In solchen Momenten denke ich dann oft an die alten Zeiten zurück, wo noch die Möglichkeit bestand, wunderbare Schnittassistenten vom Anfang bis zum Ende eines Projekts an seiner Seite zu haben. Mir gefällt es einfach, wenn ich gefragt werde, ob ich einen Kaffee möchte oder auch nur das jemand hinter mir sitzt, so dass ich erklären kann was ich gerade mache und warum manche Dinge funktionieren und andere gar nicht. Eben ein Austausch stattfindet, der keine Zeitbegrenzung hat und viel tiefer gehen kann. Da diese Zeiten leider fast vergangen sind, freu ich mich über jeden Tag mit der Regie, auch weil ich dann keine Selbstgespräche führen muss.

Besonders komplizierte Szenen schneide ich allerdings auch wegen des oftmals großen Zeitaufwands sehr gerne alleine. Wenn ich mir später eine besonders schwierige Szene anschaue, sieht das so einfach aus und ich denke dann oft: Wenn die Menschen wüssten, wie ich meine Zeit verbringe, wie oft ich diese Szene geschnitten habe und wie oft ich noch mal ins Material gegangen bin. Das ist doch der helle Wahnsinn.

Und Material hat man ja mittlerweile oft enorm viel...

Das find ich auch, ganz ehrlich gesagt, schrecklich. Das sind ja richtige Bilderfluten! Ich schaue mir erst mal alles an, und nehme alles was mir unbrauchbar erscheint weg, Das finde ich ist eine gute Methode um den Ballast los zu werden und das Material kennen zu lernen. Und dann fange ich einfach an, eine Szene zu schneiden. oft  ist es die, die mich beim Muster schauen am meisten beeindruckt hat. Während des Sichtens überlege ich schon: Kann ich eine kleine Geschichte erzählen, also jenseits der großen Geschichte? Das Schwierige dabei ist, immer zu reduzieren um wirklich auf den Kern der Dinge zu kommen. Eine Geschichte zwischen Menschen auch mit Blicken zu erzählen finde ich noch immer faszinierend.  Wann immer ich im Material Dinge entdecke, die mir helfen, eine Szene auf meine spezielle Art zu gestalten, bin ich glücklich.

Du warst von 1984 bis 1996 Lehrbeauftragte an den DFFB. Damals wurde noch analog geschnitten, jetzt lernt der Nachwuchs ausschließlich digital. Wie findest Du diese Entwicklung?

Ich finde das schade. Ich weiß gar nicht, wie viele Schneidetische es noch an der DFFB gibt, aber ich glaube, dort sind alle bis auf einen entsorgt. Das bedeutet ja, dass die Studenten das Gefühl für den laufenden Film und den analogen Schnitt nicht mehr intensiv erleben können.

Obwohl ich auch schon längere Zeit digital schneide und alle Vorteile des digitalen Schnitts genieße, sind die Erfahrungen des analogen Schnitts für mich auch heute noch sehr wertvoll. Ich schaue auf eine andere Art auf meine Bilder, mit einer großen Ruhe... Diese alte Schule, die steckt in mir drin. Ich glaube, ich hab zu dem Material – das jetzt ja nicht mehr sichtbar und spürbar ist – ein lebendiges Gefühl. Und so hab ich noch immer die Hand am Film.