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Andrew Bird, Foto: Ecki Kindermann

Andrew Bird, Foto: Ecki Kindermann

Gespräch mit Andrew Bird

Hamburg 02.12.2016

 

In Hamburg ist der erste Schnee gefallen, und ich mache mich auf zu einem Gespräch mit Andrew Bird, über „Tschick“, seine langjährige Zusammenarbeit mit Fatih Akin, und über einige Fragen, die uns Editoren umtreibt.
Andrew , in London geboren und seit Ende der 1970er Jahre in Hamburg ansässig, ist einer der profiliertesten Filmeditoren Deutschlands.
Er wurde mit etlichen Preisen für sein Schaffen ausgezeichnet, u.a. 2008 mit dem Deutschen Filmpreis für „Auf der anderen Seite“.
Andrew schneidet derzeit den neuen Film von Fatih Akin, „Aus dem Nichts“ mit Diane Krüger.

Erst einmal eine ganz allgemein Frage: Wie bist Du zum Filmschnitt gekommen?

Ich hatte nie das Geld um auf eine Filmschule zu gehen. Ich habe angefangen, Super 8 Filme zuhause zu machen und das Schneiden hat mir eigentlich am meisten Spaß gemacht. Das war ja noch alles mit dem Klebeband und die Vertonung mit dem Finger auf dem Cassettenrecorder. Jedenfalls habe ich gedacht, das wäre etwas, was mich längerfristig interessieren könnte.
Durch Zufall habe ich Magdolna Rokob kennengelernt und habe sie gefragt, ob sie mich als Assistent nimmt und ausbildet.
Sie hat dann ein bisschen überlegt, und gesagt, sie wäre eine sehr strenge Lehrmeisterin, und ob ich mir das dann immer noch vorstellen könnte, worauf ich bejahte.
So habe ich ihr bei einigen Studentenfilmen assistiert, dann bei einem Spielfilm von Lars Becker, „Schattenboxer“, bei dem ich auch Script und Continuity gemacht habe, was ich auch als super Ausbildung für den Editoren Beruf empfand.
Außerdem hatte ich vorher als Übersetzer gearbeitet und kannte viele Leute aus der Filmbranche, und dann hat es auch nicht lange gedauert, bis ich meinen ersten Film schneiden konnte.

 

Dann kam es ja auch bald zu der Begegnung mit Fatih Akin, mit dem Du seit 1996 zusammenarbeitest. Ihr habt zusammen deutsche Filmgeschichte geschrieben (Andrew wirft ein, dass das ja auch weitergehen soll!), wie kann man sich Eure Zusammenarbeit vorstellen? Denn auch nach 20 Jahren gibt es sicher noch Konflikte und Reibungsflächen.

Es ist natürlich so, dass wir uns nach 20 Jahren sehr gut kennen. Das hat sehr viele Vorteile für die Arbeit im Schneideraum. Wir müssen nicht mehr um ein Vertrauensverhältnis kämpfen, da wir uns ja seit seinem ersten Kurzfilm kennen. Sehr viel, was ich im Schneideraum über das Schneiden gelernt habe, kommt durch Fatih. Wir lernen gemeinsam bei jedem Film, worum wir uns auch sehr bemühen, denn es liegt auch eine Gefahr in einer so langen Zusammenarbeit, dass man sich nämlich immer im gleichen Fahrwasser bewegt. Wir versuchen beide sehr darauf aufzupassen, nicht immer die gleichen Lösungen zu finden, wie im Film davor.
Außerdem macht es mit Fatih wirklich irrsinnig viel Spaß!
Ich fange parallel zum Drehen zu schneiden an, wenn es geht, mustern wir gemeinsam aus und haben dadurch schon eine ausführliche Kommunikation über das Material, und darüber, was wir im Material für Möglichkeiten sehen. Das geht leider nicht bei jedem Film, denn wenn Fatih im Ausland dreht, wie bei „The Cut“, mustern wir unabhängig voneinander aus. Aber im Großen und Ganzen suchen wir schon die gleichen Takes aus. Ich habe dann kurz nach Drehende eine erste Fassung. Der erste Rohschnitt, den Fatih dann sieht, ist extrem roh. Das ist auch das erste Mal, das ich mir den kompletten Film angucke. Es ist immer eine sehr lange Version, weil tendentiell alles drin ist, was im Drehbuch steht. Es geht uns bei dieser ersten Fassung primär um Struktur.
Funktioniert die Struktur, die Fatih sich im Buch ausgedacht hat? Dann fangen wir an, Szenen rauszuschmeißen, oder z.B. etwas umzustellen.Es ist mit Fatih sehr einfach so vorzugehen, denn er ist ein sehr selbstkritischer Regisseur. Es kommt häufiger vor, dass ich ihn überreden muss, Sachen drin zu lassen, die er rausgeschnitten hätte. Es gibt zwischen uns beiden überhaupt keine Scheu, zu sagen „das finde ich doof, was hast Du Dir dabei gedacht“, dazu kennen wir uns zu lange.

 

„Tschick“ ist der erste Film von Fatih Akin, der auf einer Romanvorlage basiert. Gab es mit dem adaptierten Drehbuch einen Unterschied zu Eurer sonstigen Arbeit, gerade im Bezug auf die von Dir angesprochene Strukturfindung, die ja durch den Roman vorgegeben ist?

Bei „Tschick“ fand die meiste Diskussion auf der Buchebene statt. Es war schon so, dass wir uns gefragt haben, ob die Struktur des Buches auch für den Film funktioniert, ob z. B. der Unfall mit dem Schweinelaster auch im Film am Anfang kommen soll, so wie im Buch. Die Struktur wurde dann vom Roman weitestgehend übernommen.

 

Es gibt bei „Tschick“ eine interessante Parallele zu einem anderen deutschen Filmklassiker, nämlich „Nordsee ist Mordsee“. Hark Bohm war künstlerischer Mitarbeiter am Drehbuch zu „Tschick“. Sein Film „Nordsee ist Mordsee“ ist auch eine Coming - Of- Age Geschichte, zwei Jungen auf der Suche nach Freiheit. Auch die jugendlichen Hauptdarsteller in beiden Filmen ähneln sich. Habt Ihr Euch „Nordsee ist Mordsee“ nochmal angeguckt?

Nein, aber ich habe den Film noch sehr gut im Kopf, auch wenn es lange her ist, dass ich ihn gesehen habe. Fatih war das sicherlich bewußt, auch in der Zusammenarbeit mit Hark und durch die Besetzung von Uwe Bohm, als Maiks Vater. Die Ähnlichkeiten sind schon da.

 

Es ist auf alle Fälle eine schöne Fußnote der deutschen Filmgeschichte.

Um noch einmal auf die gemeinsame Arbeit mit Fatih zu kommen, nach Drehende hocken wir viel zusammen im Schneideraum und ich genieße das auch. Vieles, was bei unseren Filmen entsteht, kommt dadurch, dass wir wirklich alles ausprobieren was uns einfällt, und all die Sachen, die uns einfallen, selbst wenn sie nicht funktionieren, führen uns woanders hin.
Dadurch bleiben wir immer offen für neue Gedanken und Impulse, und werden manchmal in Richtungen geführt, die wir vorher nie in Betracht gezogen hätten.

 

Ihr arbeitet also wirklich so, wie sich das jeder Editor in der Zusammenarbeit mit seinem Regisseur wünscht, nämlich auf Augenhöhe.

Ja! Das sind für mich dann auch die schönsten Momente, wenn wir Ideen hin und her werfen, und aus unserer beider Gedanken dann etwas entsteht.

 

Das ist auch genau das, was man bei den Filmen merkt. Die Filme sind so großartig und auch so meisterhaft montiert, dass sie wirklich ihresgleichen suchen.

Das ist etwas, was bei der Arbeit mit Fatih ganz extrem so entsteht, was ich in dem Maße mit anderen Regisseuren nicht habe. Das hat eben viel mit Vertrauen zu tun. Niemand hat das Gefühl, er will den anderen benachteiligen oder bevorzugen, bei den Sachen, die man ausprobieren will.

 

Einer der, wie ich finde, schönsten Filme, die ihr gemeinsam gemacht habt, ist „The Cut“. Leider ist es der Film, der am wenigsten erfolgreich an den Kinokassen war.
Wie geht man mit so etwas um, wenn man erfolgsverwöhnt war?

Erfolgsverwöhnt waren wir wirklich, und haben richtig auf die Ohren bekommen für „The Cut“. Wir haben das nicht wirklich kommen sehen. Bei manchen Sachen in dem Film, haben wir gewusst, dass sie schwierig werden, aber das uns das so krumm genommen wird, damit haben wir nicht gerechnet. Man muss das irgendwie wegstecken.
Das ist, wie ein schlechtes Fußballspiel, da muss man am nächsten Wochenende auch wieder ran. Vielleicht wird man den Film, wenn man in zehn Jahren darauf guckt, anders beurteilen.

 

Wie war im Gegensatz zu Deiner Arbeit mit Fatih Akin, die Zusammenarbeit mit z.B. Julie Delpy („The Countess“, 2009) oder Miranda July („The Future“,2011)?

Natürlich musste da das Vertrauen erst einmal wachsen. Es war aber, sowohl mit Miranda, als auch mit Julie, eine super Zusammenarbeit. Ich habe bei beiden eine Menge gelernt. Ich fand z. B. den Blick, den Julie Delpy auf ihre Schauspieler, und auch auf sich selbst als Schauspielerin hat, ganz toll. Da durchschaut man dann doch manche Tricks, wenn man durch die Augen eines Schauspielers guckt.
Aber eigentlich ist es in unserem Beruf egal, wer der Regisseur ist,wie groß das Budget ist, und auch egal, wie weit die Verbreitung des Filmes am Ende sein wird, denn jeder Film hat die gleiche Aufgabe, nämlich eine Geschichte auf die bestmögliche Art zu erzählen. Egal, ob beim Studentenfilm, oder beim großen Hollywood -Film.
Was sich ändert, ist lediglich, dass man es bei den großen Filmen mit viel mehr Leuten zu tun hat, auch mit solchen, die eine Meinung zu dem Film haben. Man muss lernen, auch mit diesen Leuten umzugehen.

 

Du bist einer der profiliertesten Editoren Deutschlands, hast aber auch im Ausland gearbeitet. Da wird ja doch anders gearbeitet, als bei uns. Wie unterscheidet sich die Arbeit?

Also, die Schneideräume sind auch nicht besser… Teilweise noch viel grottiger, als hier. Die Bezahlung ist in Amerika natürlich besser als hier, und in manchen Ländern ist der Respekt, der einem entgegengebracht wird, auch höher, vor allem in Frankreich. Bei den türkischen Filmen, an denen ich mitgearbeitet habe, war es aber auch erstmal ein Kampf, um sich den Respekt zu verschaffen, weil die Hierarchien in der Türkei viel verhärteter sind, als hier in Deutschland, und Editoren sind dann doch Leute, die eine Arbeit „nur“ ausführen. Damit diese Produzenten begreifen, dass wir auch für einen kreativen Input zuständig sind, ist ein langer Weg nötig.
Es ist von Land zu Land verschieden, was aber auch spannend ist.

 

Du siehst Deine Basis aber schon hier in Deutschland?

Ich lebe hier, ich bin hier filmisch groß geworden, und bin hier auch verwurzelt. Ich könnte mir aber schon vorstellen, für eine längere Zeit ins Ausland zu gehen.

 

Gibt es Regisseure, mit denen Du wahnsinnig gerne zusammenarbeiten würdest?

Es gibt ein paar englische Regisseurinnen, deren Filme ich sehe, und denke:“Oh, wow!“. Andrea Arnold („Fish Tank“, „American Honey“) finde ich ganz toll und auch Clio Barnard („The Selfish Giant“). Wenn die anklopften, würde ich sofort sagen:“Ja!“!

 

Auch auf die Gefahr hin, dass dies eine Macho-Frage ist, gibt es Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Regisseuren? Gibt es z. B. den weiblichen Blick auf die Dinge und die Figuren?

Ich glaube, das ist ziemlicher Quatsch. Die Frauen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, waren teilweise doch ziemlich hart drauf. Vielleicht ist es so, dass man um als Frau dahin zu kommen, wohin man will, ein anderes Bedürfnis hat, sich durchzusetzen, als ein Mann.
Aber man kann das sicher nicht verallgemeinern, denn im Schneideraum ist jeder gleich.
Es gibt auch Beispiele, da wird ein weiblicher Editor engagiert, weil dann angeblich emotionaler geschnitten wird, oder aber bei Action Filmen wird lieber ein Mann angeheuert - alles Quatsch!

 

Um noch einmal auf die „Spezies“ der Editoren zu kommen, wir sind ja Menschen, die gerne im stillen Kämmerlein vor sich hinarbeiten, aber wie wichtig ist Dir zum Beispiel der Austausch mit Kollegen?

Ich finde es ganz toll mit anderen Editoren etwas zu gucken, denn Editoren sind die besten Zuschauer, weil die ganz oft besser verstehen, was gemeint ist, wenn gewisse Dinge nicht ganz funktionieren. Ich finde auch, dass das Konkurrenzdenken unter guten Kollegen deutlich geringer ist.
Ich habe diesen Sommer mit einem unserer Kollegen gemeinsam an einem Film geschnitten, was ganz toll war. Wenn man sich gegenseitig die Sachen zeigt, und gemeinsam Ideen entwickelt, ist das super.
Es ist ja leider auch so, dass die Assistenten bei fast allen Filmen nicht mehr mit im Schneideraum sind, und deren Arbeit auch aufhört, sobald abgedreht ist. Das bedauere ich sehr.
Für mich war die beste Schule, im Schneideraum zu sein, während geschnitten wurde, und mitzukriegen, warum werden die Entscheidungen so getroffen, warum fallen Sachen weg, und aus welchen Gründen. Da habe ich das meiste gelernt und das passiert jetzt leider bei unseren Assistenten nicht mehr.
Ich fand es ganz toll, dass wir jetzt im Sommer in den USA („First they killed my father“, Angelina Jolie) die komplette Produktion hindurch teilweise vier Assistenten hatten. Erstmal habe ich gar nicht gewusst, wie ich als Editor mit soviel Assistententätigkeit umgehen soll, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran, auch daran, den Assistenten viel mehr abzugeben, wie z. B. die Vertonung.
Es war auch gut, die Meinung der Assistenten zu hören.
Eine Assistentin war nur für VFX zuständig, dann gab es den ersten Assistenten, der vom ersten Drehtag bis zur Mischung dabei war, und den zweiten, der sehr viel Tonbearbeitung gemacht hat, genau wie der dritte. Die waren zwar nicht alle die ganze Zeit dabei, aber es war total super.!

 

Zwei Deiner langjährigen Assistenten schneiden selber, aber viele Junioren können nur überleben, indem sie auch noch als Schnittassistenten arbeiten.
Wie siehst Du die Zukunft der Editoren bzw. Junior Editoren?

Das ist schwierig. Was ich mir vorstellen könnte, wäre ein Modell, in dem die Editoren, die erfahrener sind, häufiger als Schnittberater mit den Junioren arbeiten. Sodass junge Kollegen, die weniger Erfahrung haben, schneiden, und wir z.B. als Supervisor engagiert werden.
Ich mache das immer mal wieder, es ist aber nicht wirklich einfach, einen Rahmen dafür zu finden. Ich glaube, man könnte dafür konkretere Modelle entwickeln, dass so eine Arbeit funktionieren könnte.
Man muss das Bewusstsein der Produzenten schärfen, was eine Schnittassistenz bedeutet, denn viele verwechseln Schnittassistenz mit der Arbeit des DIT am Set.
Aber es ist sowieso schon schwierig, vor allem bei jungen Produzenten, denen beizubringen, was Schnitt überhaupt bedeutet.

 

Es gibt viel zu tun!

Vielen Dank, lieber Andrew, für dieses Gespräch, und viel Erfolg, bei Deinem neuen Projekt!