Skip to main content
Magnus Schmitz: Tierfilme

Was fasziniert Dich an der Art des Schnitts für diese Sparte, was macht es besonders?

Die alte Weisheit, dass die Geschichte erst im Schnitt entsteht, gilt für den Tierfilm besonders. Denn Tiere tun meistens eines: Nichts. Sie liegen rum oder laufen für uns grundlos durch die Gegend. Selbst für ein Raubtier ist der Alltag keine Actionsequenz, sondern besteht viel aus Warten und suchen. Und wenn mal ein Tier erlegt wird, dann passiert das nicht dort, wo die Kamera gerade ist, sondern irgendwo hinterm nächsten Busch. Man hat also nur ganz selten eine abgeschlossenen Sequenz, in der Tiere in Interaktion miteinander treten, sondern nur Bruchstücke von einzelnen Tieren. Daraus nun eine Handlung zu bauen, die spannend und plausibel zugleich ist, ist die besondere Herausforderung.

 

Was sind die Schwierigkeiten beim Schnitt dieses Genres?

Im Gegensatz zu Menschen, sehen Tiere für uns alle gleich aus. Das hat Vor- und Nachteile.

Vorteil: Ich kann aus mehreren Tieren eine Handlung bauen.

Beispiel: Ein Luchs läuft durch den Wald, setzt eine Duftmarke, verlässt den Wald und jagt danach einen Hasen. In Wirklichkeit sind das vier Tiere, die diese Handlungen durchführen. Von dem einen hab ich ne Halbtotale, von den anderen verschiedene Naheinstellungen. Die schneide ich zusammen und so wird im Film daraus ein Tier.

Nachteil: Wenn es um mehrere Tiere geht, fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Beispiel: Eine Luchsmutter bewegt sich vor ihrem Bau hin und her, die zwei Jungtiere springen herum. Aus einer halben Stunde Rumgelaufe, gilt es nun spannende zwei Minuten zu machen. Das Blöde dabei: Tiere achten nicht auf Anschlüsse und ich hab eigentlich nur eine Halbtotale zur Verfügung. Wie schaffe ich es nun, Handlungen so zu verkürzen, ohne dass die Bewegungsabläufe der Tiere unplausibel werden? Wenn Luchs 1 gerade rechts hinterm Stein verschwunden, ist, dann kann der nicht gleich links aus dem Busch kommen. So muss man jeden Meter erklären, den ein Tier zurücklegt, und die Kopfdrehungen, Bewegungen und Vektoren müssen zwischen den Schnitten so eindeutig   sein, dass man checkt: Sehe ich im nächsten Schnitt nun das gleiche Tier oder ein anderes.

 

Was sind die wichtigsten dramaturgischen Werkzeuge und Kniffe?

Ganz klar Schnitt und Gegenschnitt von Blicken. Ein Tier schaut irgendwo hin und durch das was im nächsten Schnitt kommt, wird eine Beziehung zu diesem Tier hergestellt. In Wirklichkeit hat dieses Tier wahrscheinlich nicht das gesehen, was ich danach zeige, sondern ich erfinde mir hier eine Beziehung, um eine Geschichte anzustoßen.

 

In wie weit ist der Tierfilm dann tatsächlich dokumentarisch?

Das ist schwer zu beantworten. Die Handlungen, die wir zeigen, müssen plausibel sein und in der Wirklichkeit so vorkommen. Nur sind wir halt in dem Moment, wo der Tiger im indischen Dschungel den Hirsch erlegt, nicht gerade mit vier Kameras dabei. Tiere sind scheu, flüchten vor dem Menschen und wiederholen auf Kommando eben nicht ihre Aktionen, damit man bitte noch zwei Close-Einstellungen davon drehen kann. Also können die Kameraleute immer nur Ausschnitte der Wirklichkeit mitbringen und es liegt dann an den Editor*innen, daraus eine Geschichte zu machen, die den Zuschauer*innen einen kompletten Eindruck gibt und sie unterhält. Eine halbe Stunde Tiger dösend im Gebüsch will keiner sehen. Der muss schon irgendwas machen. Also schnapp ich mir Einstellungen vom Tiger und Einstellungen vom Hirsch und bau die so zusammen, dass der Tiger den Hirsch verfolgt.

 

Gibt es Regie/Autor*in? Mit wem sitzt man im Schnitt? Alleine?

Die Regie kommt mit Stunden von Material und einer groben Idee. „Diese beiden Wölfe könnten dies und das machen...“ und dann passiert es ganz oft, dass aus einem einzigen winzigen Moment der Ausgangspunkt für eine ganze Handlungsabfolge entsteht. Ein Vögelchen kommt geflogen, der Wolf schaut hinterher und daraus entspinnt sich dann eine Geschichte. Es fühlt sich manchmal an, wie einen Schatz zu finden.

 

Wie wird mit Musik umgegangen?

Die Besonderheit ist, dass meine Arbeit komplett stumm abläuft. Ich habe nur Bilder. Atmo und Musik kommen erst hinterher drauf. Das heißt, alles muss auch ohne funktionieren. Das coole daran ist: Sieht man den Film dann mit Ton, ist das selbst für den Editor nochmal ein richtiger Wow-Effekt.