Mit diesem Paper zeigen wir, dass in der Postproduktion im Allgemeinen faire Arbeitszeiten umsetzbar sind.
Im Filmschnitt gibt es keine Bereitschaftszeiten
Der TVFFS ist komplett auf die Dreharbeiten ausgelegt und sieht eine 40+10 Woche vor, also 40 bezahlte und bis zu 10 weitere unbezahlte Stunden. Dies begründet der Tarifvertrag mit “besonderen Bedingungen und Bereitschaftszeit” bei den Dreharbeiten. Der Filmschnitt ist aber in der Regel von den Dreharbeiten abgekoppelt - weder gibt es bei uns Bereitschaftszeiten noch andere besondere Bedingungen: sobald Material vom Dreh oder aus dem Archiv angeliefert wird, können wir ohne Unterbrechung unsere Aufgaben bewältigen.
Auch das Arbeitszeitgesetz (ArbZG), sieht tarifliche Ausnahmen über 8 Arbeitsstunden nur vor, s. §7 “... wenn in die Arbeitszeit regelmäßig und in erheblichem Umfang Arbeitsbereitschaft oder Bereitschaftsdienst fällt” und außerdem, s. §3 “Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer [...] kann auf bis zu zehn Stunden nur verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden.”
Beide Fälle, also Bereitschaftszeit und Ausgleich von Mehrarbeit, sind in der Praxis nicht gegeben.
Längere Schnittzeiten im Vergleich zu Drehzeiten
Dadurch, dass die Schnittzeit immer länger ist als die Drehzeiten, ist die Zusatzbelastung mit 50-h-Wochen im Filmschnitt wesentlich höher als in allen anderen Gewerken.
Zeitdruck durch Abnahme- bzw. Sendetermine
kommt unserer Ansicht nach häufig durch schlechte Zeit-/Personalplanung und falsche Einschätzung der Materialmenge zustande. Wie wir schon in unserem Paper zu Arbeitsbedingungen im Filmschnitt verdeutlichen, werden mehr als die Hälfte aller Schnittprojekte nicht in der geplanten Zeit fertig. Das deutet auf strukturelle Fehlplanungen hin und kann nicht als Entschuldigung für längere Tagesarbeitszeiten dienen.
Filmschnitt ist Bildschirmarbeit
Im Gegensatz zu den abwechslungsreichen Abläufen am Filmset (Einrichten, Probe, Dreh, Umbauten..) und bei dokumentarischen Dreharbeiten “im Feld” ist die Arbeit im Schnittraum fast ausschließlich Bildschirmarbeit. Die vorwiegend sitzende Arbeitsposition mit immer gleichem Blickfeld auf Monitore gilt als gesundheitsschädlich und kann zu Langzeitschäden führen. Selbst mit Maßnahmen zur Entlastung (regelmäßig Aufstehen und Bewegen) sind überlange Arbeitszeiten eine enorme Belastung für die Mitarbeitenden.
Filmschnitt ist Kopfarbeit
Unsere Arbeit entsteht im Kopf. Der Computer ist nur das Werkzeug. Filmschnitt erfordert ein hohes Konzentrationsvermögen, um alle Aussagen des Filmmaterials (akustisch, visuell, inhaltlich) zu erfassen, bewerten und bearbeiten zu können. Hören, Sehen und Denken sind also permanent beansprucht. Je nach Inhalt des Filmmaterials ist auch die emotionale Verarbeitung, beispielsweise bei extrem brutalen Bildern oder Vorgängen, nicht von der Hand zu weisen.
Wie schon oben ausgeführt, gibt es auch keine signifikanten Unterbrechungen im Arbeitsalltag, die eine Erleichterung von diesen kognitiven Prozessen ermöglichen würden.
Erhöhte Fehleranfälligkeit
Wir sind überzeugt, dass überlange Arbeitszeiten die geistigen Fähigkeiten stark beanspruchen und zu Lasten der Qualität der Produktion gehen. Gleichzeitig besteht die Gefahr von Übermüdung, Schlafstörungen und Krankheitsausfällen, wenn die Arbeitsbelastung dauerhaft so hoch gehalten wird.
Familienfreundlichkeit, sozial verträgliche Arbeitszeiten
Die wesentlich längeren Schnittzeiten bei einer 50-h-Woche führen leider dazu, dass unser Beruf extrem familienunfreundlich ist und auch andere soziale Umstände (Vereine, Sport, soziale Kontakte, etc.) im Vergleich zu anderen Berufsfeldern stark eingeschränkt sind. Dies hat zur Folge, dass talentierte Kolleg*innen aufgrund familiärer Verpflichtugen nicht in anspruchsvollen Projekten tätig sein können. Hier ist der Fachkräftemangel hausgemacht.
Fazit: Eine 40-h-Woche im Filmschnitt garantiert dauerhaft gesündere und zufriedene Mitarbeitende mit hoher Motivation und erhöht mittelfristig die Qualität des Filmprojekts.