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Im Schneideraum mit Hansjörg Weißbrich über "Rose"

| Magazin

Zwischen strenger Form und künstlerischer Freiheit gibt Hansjörg Weißbrich Einblick in den Schnitt von „Rose“, für den Sandra Hüller auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Er spricht über seine erste Zusammenarbeit mit Markus Schleinzer – geprägt von Vertrauen und Präzision – und über eine Arbeitsweise, die sich bewusst zwischen Intuition, Detailarbeit und klarer ästhetischer Haltung bewegt.

 

1. ZWEI SCHNITTPHASEN – VOM SOMMERBLOCK ZUM FINALEN FILM

Wir haben „Rose“ in zwei Phasen geschnitten: 13 Wochen für den Sommerdreh und 7 Wochen im Winter. Während des Drehs habe ich allein in Berlin gearbeitet, nach Drehende bin ich nach Wien gegangen, wo Markus lebt, und habe dort gemeinsam mit ihm weitergeschnitten. Im Winterblock haben wir eine kurze Weihnachtspause gemacht und den Film dann ohne weitere Unterbrechung fertig geschnitten. Das war für die finale Fassung dann eine relativ knappe Schnittzeit.

Der Schnitt des Sommerblocks wurde im Winter nochmal stark verändert. Viele Kürzungen waren erst möglich, nachdem der gesamte Film vorlag, weil der Winterblock den ersten und dritten Akt bildet. Insgesamt haben wir sehr nah am Drehbuch gearbeitet, mit größeren Eingriffen im ersten Akt und feineren Straffungen im weiteren Verlauf.

Für mich war es die erste Zusammenarbeit mit Markus Schleinzer. Monika Willi, die den letzten Film von Markus geschnitten hatte, hat mich empfohlen. Genauso wie die deutschen Produzenten Walker+Worm, für die ich bei einem anderen Projekt schon mal gearbeitet hatte. Markus kannte mich damals flüchtig. Ich hatte ihn nach einem Screening seines letzten Films „Angelo“ beim Around the World Filmfestival in Berlin kennengelernt, zu dem Maria Schrader die Filmpräsentation machte. Somit wusste Markus, wer ich bin und fand es sofort eine gute Idee.

2. ÄSTHETIK, MUSIK UND EINE GEMEINSAME LINIE

Bei einer ersten Zusammenarbeit steht zunächst das gegenseitige Kennenlernen im Vordergrund: Wie denkt der andere, wo möchte er künstlerisch hin? Markus wollte z.B. ursprünglich ohne komponierte Filmmusik arbeiten, sondern mit einem bestehenden klassischem Musikstück, das verfremdet werden sollte und nur sehr spartanisch eingesetzt werden sollte, was seiner Prägung durch die Haneke-Schule entspricht. Aus unserer gemeinsamen Arbeit im Schneideraum hat sich dann aber ergeben,  dass wir mit einer Komponistin gearbeitet haben, Tara Nome Doyle, die einen sehr reduzierten a-cappella-Score entwickelt hat, der aber an entscheidenden Stellen emotionale Akzente setzt, ohne manipulativ oder kitschig zu wirken und sich so in das minimalistische Gesamtkonzept des Films einfügt, das Markus auch in der ganzen Bildsprache und im übrigen auch im Schnitt verfolgt hat. Der Film hat keine hohe Schnittfrequenz, jeder Schnitt ist bewusst gesetzt. Diese Präzision war von Anfang an Teil von Markus’ Vision und entspricht auch meinem künstlerischen Ansatz. Ich glaube, das kommt im Film auch sehr gut rüber. Mich freut es, dass der Schnittrhythmus auch wahrgenommen wird, wenn nicht jede Sekunde ein Schnitt gesetzt ist, wie das z.B. bei „September 5“ der Fall war, sondern auch ein minimalistisches Konzept auffällt, weil es sehr präzise ist.

3. DETAILARBEIT UND ERZÄHLEN MIT ELLIPSEN

Da ich relativ kurzfristig ins Projekt eingestiegen bin, gab es im Vorfeld wenig Austausch. Ich habe mich daher zunächst an Markus’ bisherigen Arbeiten orientiert und den Rohschnitt entsprechend angelegt.

Im weiteren Schnittverlauf haben wir dann sehr intensiv zusammengearbeitet. Markus kannte sein Material sehr genau und kam immer sehr gut vorbereitet in den Schneideraum. Wir haben sehr detailliert gearbeitet – bis hin zum Austausch einzelner Silben. Gerade in längeren, ungeschnittenen Szenen ist es entscheidend, auch an den Sprachvarianten zu arbeiten und die jeweils besten Takes Satz für Satz zu vergleichen.

Ein zentraler Aspekt des Films ist das Arbeiten mit Ellipsen, also bewussten Auslassungen. Diese waren zwar im Drehbuch angelegt, mussten im Schnitt aber genau überprüft werden: Wie viel Information ist notwendig, wie viel kann und soll offen bleiben? An einigen Stellen haben wir minimal nachjustiert, um bestimmte Zusammenhänge etwas klarer zu machen. Das Ziel war jedoch nie maximale Eindeutigkeit, sondern eine klare Gewichtung innerhalb der Erzählung. Vieles bleibt bewusst offen und der Interpretation des Publikums überlassen.

Im Film gibt es beispielsweise eine Erzählerin, die bereits im Drehbuch so angelegt war. Da haben wir im Schnitt nur an der einen oder anderen Stelle noch mal feinere Nuancen verändert, im Wesentlichen aber haben wir mit der Drehbuchversion gearbeitet.

Für mich ist es ein großer Unterschied, ob ich mit jemandem zum ersten Mal zusammenarbeite oder schon mehrere Filme gemacht habe. Da ist man besser eingespielt. Es hat aber nicht lange gedauert, mich mit Markus einzugrooven. Im Gegenteil, wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden und mochten uns sehr. Ich finde es immer spannend, mich auf eine neue Künstlerpersönlichkeit einzulassen. Es macht mir großen Spaß und inspiriert mich.

4. ZUSAMMENARBEIT UND KÜNSTLERISCHE HALTUNG

Ich schätze an Markus besonders seine Genauigkeit und seine Präzision, die sich durch alle Bereiche des Films zieht. Seine Vision ist bis ins kleinste Detail durchdacht – von der Bildgestaltung bis hin zu den Kostümen, die er teilweise selbst entworfen hat.

Sein Hintergrund als Schauspieler und Casting-Direktor ist dabei deutlich spürbar. Er war ein langjähriger Mitarbeiter von Michael Haneke, hat u.a. die Kinder für „Das weiße Band“ entdeckt und war auch immer mit am Set. Diese Schule hat seine Handschrift geprägt.

Als ich ROSE nach mehreren Monaten auf der Berlinale zum ersten Mal wieder gesehen habe, war ich sehr beeindruckt von der Wucht seiner Wirkung. Besonders nochmal auf der großen Leinwand.

5. ARBEITSWEISE UND ARBEITSRHYTHMUS

Ich arbeite nicht nach einem festen Schema. Für mich ist der Schnitt eine künstlerische Tätigkeit, die eine gewisse Freiheit braucht. Ich arbeite gerne und oft lang und bin jemand, der sich auch abends noch gut konzentrieren kann. Wenn ich aber merke, dass ich nicht weiterkomme, gehe ich nach Hause. Gerade weil für mich dieser Beruf kein klassischer „Nine-to-Five“-Job ist, halte ich diese Flexibilität für wichtig. So kann ich am besten arbeiten.

6. GUILTY PLEASURES

Kaffee und Süßigkeiten, aber auch Obst. Am Nachmittag mache ich oft einen kurzen Power Nap – einfach mal fünf Minuten die Augen schließen.

7. DREHWEISE UND MÖGLICHKEITEN IM SCHNITT

Der Film wurde fast vollständig mit einer Kamera gedreht, was ein bewusstes ästhetisches Prinzip war. Nur an zwei Drehtagen kam eine zweite Kamera zum Einsatz, hauptsächlich aus logistischen Gründen. Es waren aufwändige Drehtage in bestimmten Lichtstimmungen, die ohne zweite Kamera nicht zu schaffen gewesen wären.

Markus hat oft ganz bewusst „auf Schnitt“ gedreht und nicht hoch gecovered. An manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr Überlappung gewünscht – nicht unbedingt, um es zu verwenden, sondern vor allem, um später mehr Möglichkeiten im Schnitt zu haben. Mit einer geringen Auflösung legt man sich einfach vielmehr fest. Das mag in der Drehsituation plausibel erscheinen, aber im Schnitt zeigt die Erfahrung eigentlich, dass es immer wieder Situationen gibt, wo man sich am Ende vielleicht doch mehr Möglichkeiten gewünscht hätte. Man muss das natürlich immer abwägen, was die zusätzliche Drehzeit angeht, aber wenn man sowieso schon ein Setup hat, ist der Aufwand, zwei Sätze mehr überlappend zu drehen,  relativ gering. Es gibt ja auch immer wieder den Fall, dass man später anders schneiden will als geplant, wie z.B. bei Kürzungen und dann ist es hilfreich, ein paar Möglichkeiten mehr zu haben.

8. UNTERSCHIEDLICHE PROJEKTE, UNTERSCHIEDLICHE GESETZE

Jedes Projekt ist anders. Ich schätze sehr die Vielseitigkeit: „September 5“ auf der einen Seite und vielleicht jetzt „Rose“ auf der anderen Seite oder „Das Verschwinden des Josef Mengele“ mit langen Plansequenzen. Deswegen hat jedes Projekt für mich andere Gesetzmäßigkeit. Was mir bei „Rose“ extrem gut gefallen hat, ist diese Radikalität, mit der Markus an den Stoff rangegangen ist: Wie er den historischen Stoff so modern wirken lässt. Er behandelt Themen, die heute immer noch aktuell sind, Themen, die verschiedenste Referenzen haben. Das finde ich schon sehr großartig und sehr besonders bei Markus.

9. ARBEIT MIT STRUKTUR UND NOTIZEN

Ich gucke meistens auf die Timeline. In Filmen mit Parallelhandlungen, wo es viel um Arbeit an der Struktur geht, arbeite ich hin und wieder auch mit Karteikärtchen bzw. Screenshots. Aber bei ROSE war das nicht so. Markus arbeitet jedoch viel mit eigenen Notizen und Zeichnungen in seinem Notizbuch. Storyboards, die er selbst zeichnet, spielen für ihn vor allem in der Vorbereitung eine Rolle. Die haben wir z.B. im Sommerblock teilweise als Platzhalter für die Szenen verwendet, die erst im Winter gedreht wurden. Die Auflösung entwickelt Markus zum Großteil in der Zusammenarbeit mit seinem Kameramann Gerald Kerkletz, mit dem er alle seine drei Filme gedreht hat und mit dem er so eine Art Kreativzelle bildet.

ECKDATEN:

Schnittzeit: 20 Wochen
Schnittsystem: AVID
Gedreht: überwiegend mit einer Kamera.