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Im Schneideraum mit Maxine Gödicke über "Siri Hustvedt - Dance Around the Self"

Foto © Maxine Gödicke, Sabine Lidl

| Magazin

Was bedeutet es, einen Film zu schneiden, der mitten im Dreh seinen Boden verliert? Editorin Maxine Goedicke erzählt im Interview, wie sie für SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF aus 90 Stunden Rohmaterial, einer Liebesgeschichte und dem unerwarteten Tod von Paul Auster einen Film formte – und warum der Schneideraum manchmal ein geschützter Ort sein muss. Der Film von Regisseurin Sabine Lidl ist beim Deutschen Filmpreis 2026 unter anderem in der Kategorie Bester Schnitt nominiert.

1. WIE DER FILM ZU MIR KAM

Ich arbeite aktuell an einem Langzeitprojekt mit Wim Wenders über Peter Zumthor, und da gibt es eine Szene, in der Siri auftaucht. Deswegen kannte ich sie bereits und fand sie in dieser kleinen Episode als Person sehr spannend. Ich hatte daraufhin angefangen einen ihrer Essaybände zu lesen.

Als mich im November 2024 die Produzentin Irene Höfer anrief und erzählte, dass sie mit Sabine Lidl an einem Film über Siri Hustvedt arbeitet und sich vorstellen könnte, dass ich die richtige Person für den Schnitt wäre – Sabine suchte explizit eine Frau –, hatte ich sofort Lust. Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits im Wim-Projekt war, musste ich alles so arrangieren, dass beide Projekte fertig werden konnten. Ich habe Irene meine noch mögliche Verfügbarkeit in diesem Jahr gegeben, und genau in diesem Zeitfenster haben wir dann geschnitten: an den im Kalender markierten 110 Tagen.

Vor dem  Schnitt habe ich Sabine und Irene einmal persönlich getroffen – ich finde es immer schön, sich vor Beginn der Arbeit auszutauschen und zu merken, ob man sich mag und eine Zusammenarbeit vorstellbar ist. Drei Monate nach diesem Treffen ging es gleich los. In der Zwischenzeit habe ich viele von Siris Büchern gelesen.

Wir hatten zunächst eine kurze Sichtungsphase von etwa zwei Wochen, dann musste ich für Wims Projekt umswitchen. Anschließend waren Sabine und ich zwei weitere Monate zusammen. Der Schnitt lief also etwas verschachtelt zwischen beiden Projekten. So hatte ich ein Jahr voller Siri – und es war wunderschön.

Das Rohmaterial umfasste insgesamt rund 90 Stunden, davon viel Interview und von Siri selbst vorgelesene Textstellen. Sabine hatte einige Jahre zuvor bereits einen Film über Paul Auster, Siris Mann, gemacht. Das Rohmaterial aus diesem Film haben wir ebenfalls ins Projekt geholt und beide Projekte in einem zusammengeführt. Es gab auch am Ende der Schnittzeit noch einen kurzen Nachdreh für Textstellen und Bilder, die uns fehlten. Aus diesem Pool haben wir uns bedient.

Gedreht wurde mit zwei Kameras und Super 8: Filip Zumbrunn an der Hauptkamera und Meret Madörin, die vor allem in der zweiten Hälfte viel auf Reisen dabei war und umfangreiches Material gedreht hat. Sabine selbst hat ebenfalls einiges gedreht. Die Assistenz hatte bereits vor meiner Zeit am Projekt gearbeitet, sodass ich ein fertig angelegtes Projekt übernahm.

2. SICHTEN, SELEKTIEREN, STRUKTUR ANLEGEN

Beim Sichten und Selektieren gehe ich immer gleich vor, insbesondere bei den Interviews: Ich erstelle viele kleine Subclips, schreibe Stichworte in die Benennung und sortiere sie thematisch in Bins.

In Siris Fall gab es Bins für alles, was sie zu den jeweiligen Büchern sagt, die im Film vorkommen, zu den drei Frauenfiguren sowie zu dem, was Siri „Cancerland“ nannte – also Pauls Krankheit und sein Tod. Diese thematische Vorsortierung war umfangreich.

Die Bins entstehen beim Hören des Interviews ganz organisch: Jedes Mal, wenn ein neues Thema auftaucht, lege ich einen neuen Bin an – benannt nach dem Buch, das gerade erwähnt wird, oder nach Schlagworten wie „Kindheit" oder „Vater". Es gab zum Beispiel einen Bin namens „The Wife of", in dem Anekdoten von Siri gesammelt waren, wie es ist, die Frau von Paul Auster zu sein. Dadurch ergibt sich auf natürliche Weise eine strukturelle Übersicht: Man macht zum ersten Mal vertikal eine Themenaufstellung dessen, worum es im Film tatsächlich geht – jenseits des Vorgeplanten und bevor man in der Timeline zu verweben beginnt. Gerade im Dokumentarfilm ist das Material immer anders als erwartet. Gleichzeitig ist es schön zu sehen, wie viel Material zu welchem Thema vorhanden ist und wie sich der Blickwinkel je nach Lebenslage ändert. In unserem Fall gab es immer ein vor und nach Pauls Tod.

Die Dramaturgie haben wir uns intuitiv über Karteikarten erarbeitet – vor allem um zu schauen, wo und wie Siris Bücher und Textstellen im Film auftauchen sollten: Wie viel gibt man aus den Büchern preis, um Neugier zu wecken, ohne die Zuschauer zu überfordern? Vieles, was Siri schreibt, hat einen biografischen Bezug, obwohl es Fiktion ist. Zugleich schreibt sie in ihren Sachbüchern, Memoiren und Essays explizit über ihr eigenes Leben. Ihr ist es sehr wichtig, den Unterschied zwischen Fiktion und Realität klar zu machen – eine wirklich schöne Stelle im Film, wo sie sagt, Frauen werde immer vorgeworfen, sie schrieben aus ihrem eigenen Leben ab, weil sie zu doof seien, sich etwas auszudenken. Darin erkennt Siri einen klaren Sexismus.

Die Karteikarten waren eine gute Orientierung, auch wenn sich im eigentlichen Schnitt noch vieles verschoben hat. Sie haben uns zumindest ein Gefühl dafür gegeben, wie wir das Ganze aufbauen wollen. Denn der Film ist vollgepackt mit Informationen und Emotionen – wir mussten ihn so erzählen, dass keine völlige Verwirrung entsteht, ohne dem Zuschauer aber alle Verknüpfungen vorwegzunehmen. Ein Beispiel: Der Titel von Siris Roman „The Blazing World" ist einem Roman von Margaret Cavendish aus dem 17. Jahrhundert entlehnt – im Buch aber geht es um Louise Bourgeois. Wir wollten diese Querverbindungen anlegen, ohne sie aufzuzwingen. In vielen Fällen verpasst man nichts, wenn man die Verbindung nicht herstellt. Wenn man sie bemerkt, ist es eine schöne kleine Entdeckung.

Bei den Karteikarten haben wir den verschiedenen Ebenen des Films eine eigene Farbe gegeben: die Textstellen, die Siri vorliest, die Kapitel über die drei Frauenfiguren usw.
In der Timeline mache ich das grundsätzlich so, dass ich Szenen oder Drehtagen grob eine Farbe zuordne – oft orientiert an einem farblich dominanten Element in der Szene. Das ist visuell hilfreicher als AVID-Lila oder -Grau und erlaubt eine schnelle Orientierung in der Timeline.

3. DIE DRAMATURGISCHE HERAUSFORDERUNG: PAUL AUSTER

Die große Herausforderung im Schnitt war der Umgang mit dem Tod von Siris Mann Paul Auster, der im Laufe des Drehs erkrankte und starb. Ursprünglich war nicht geplant, Paul intensiv im Film zu zeigen. Sabine wollte ausschließlich ein Porträt über Siri machen. Einen Film über Paul hatte sie bereits gedreht – durch ihn hatte sie Siri überhaupt erst kennengelernt und war sofort von ihr fasziniert: von ihrer Beschäftigung mit Frauenfiguren, und körperlichen Themen. Sabine hatte eine große Nähe zu Siri entwickelt und wollte den Fokus dieses Films ganz auf sie und ihr Werk legen.

Siri wurde immer wieder unterstellt als Autorin von ihrem „genialen Mann“ profitiert zu haben oder sogar sein Produkt zu sein. Tatsächlich sind sie sich immer auf Augenhöhe begegnet und Siri steht für ein ganz eigenes Werk. Auch in der Wissenschaft hat sie sich einen Namen gemacht.

Als Paul während des Drehs krank wurde, war Sabine sofort klar: Paul muss eine andere Rolle spielen. Siri und Paul hatten eine wirklich tolle, lange, inspirierende, auf Augenhöhe gelebte Liebesgeschichte – dem wollten wir auch im Schnitt seinen Raum geben zumal Sabine das letzte Interview, das Paul überhaupt gegeben hat, selbst gedreht hatte. Das alles musste in den Film.

Für die Montage bedeutete das zunächst: Was wollen oder müssen wir erzählen, bevor diese Krankheit ins Spiel kommt? Wie viel zeigen wir von Siri und ihrem Werk, in ihrer ganzen Komplexität, als Schriftstellerin und als Person – bevor Pauls Krankheit zum Thema wird? Das war wie ein Fixpunkt im Schnitt und er ist dramaturgisch immer weiter nach hinten gerutscht. Eine wirklich große Herausforderung.

Es gab nur einen einzigen Dreh, der stattfand, bevor Paul erkrankte: ein paar Bilder von Siri, die durch New York läuft, ein Besuch in ihrer alten Wohnung, und ein Interview, das auch im Film früh vorkommt. Wenn man das weiß, sieht man, dass sie da eine ganz andere Person ist – sie sprüht vor Lebensfreude, ist erkennbar freier und unbelasteter. Im fertigen Film ist vieles, was wir vor Pauls Krankheit und Tod zeigen, tatsächlich gedreht worden, als er schon lange krank oder sogar bereits verstorben war. Es gibt zum Beispiel ein markantes Interview, in dem Siri an einem roten Tisch vorliest und über Zeichnungen spricht – da war Paul bereits gestorben. Im Film machen wir seinen Tod zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht zum Thema, weil wir Siris eigene Themen erst abhandeln wollten.

Was wir von den beiden zusammen – und auch nur von Siri allein – haben, ist sehr begrenzt. Es gab kaum Material von Siri in normalen Routinen beim Schreiben und nur eine gemeinsame Szene, in der die beiden ein Fotoalbum durchblättern und in Erinnerungen schwelgen.

4. DIE DREI FRAUENFIGUREN

Neben Siri werden im Film drei Frauenfiguren erzählt, die wie ihre geistigen Schwestern sind: die Baronesse Elsa von Freytag-Loringhoven, Louise Bourgeois und Margaret Cavendish. Alle drei tauchen in Siris Werk auf, sind teils Inspiration und stehen für ihr zentrales Anliegen: die Sichtbarmachung von übersehenen, unsichtbaren Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen.

Margaret Cavendish war eine Schriftstellerin und Wissenschaftlerin aus dem 17. Jahrhundert, die sich mit der Einheit von Körper und Geist beschäftigte – ein Thema, das sich durch viele von Siris Erzählungen zieht. Louise Bourgeois wurde erst als alte Frau berühmt; mit ihr verbindet Siri viele Themen, besonders rund um Körperlichkeit und die Vaterrolle.

Diese drei Figuren waren schon im Treatment als konzeptionelle Kapseln angelegt und sind dann im Schnitt entstanden - zunächst abstrakt, als kleine Montagen aus Archivmaterial oder reinen Textstellen, und später auch mit Grafiken und Animationen.

Die Herausforderung bestand darin, diese drei Figuren neben Siris biografischen Themen und ihrer wissenschaftlichen Arbeit so zu erzählen, dass der Zuschauer genug Informationen bekommt: Wer sind diese Frauen? Was haben sie mit Siris Werk zu tun? Warum werden sie im Film erzählt?

Die Baroness war unser größtes Sorgenkind – wir haben sie am häufigsten umgeschnitten. Sie taucht in Siris Zeichnungen auf und erscheint in Siris Buch sowohl als reale Person als auch als Sinnbild für weibliche Aggression, ein Thema, das bei Siri immer wiederkehrt.

Margaret Cavendish ist im Laufe des Schnitts immer weiter nach hinten gerutscht und taucht jetzt erst ganz am Ende des Films auf. Sie war lange auf dem Prüfstand. Man hält es am Ende aber aus, noch eine Kurve zu machen. Der Film ist schon lang und vollgepackt, und man läuft immer Gefahr, ein doppeltes oder dreifaches Ende zu haben. Dennoch war es uns wichtig, nicht mit Pauls Tod zu enden – ihr Mann ist gestorben, aber ihr Leben geht weiter, ihre wissenschaftliche Arbeit, ihr Kampf für die Sichtbarmachung von Frauen. Deswegen kommt das Zitat von Margaret Cavendish, das wir ursprünglich an den Anfang stellen wollten – „I have made a world of my own" –, jetzt weit am Ende. Es fasst zusammen, wofür diese Frauen stehen: sich eine eigene Welt geschaffen zu haben, um in einer männlich dominierten Welt zu existieren.

5. DIE ZUSAMMENARBEIT MIT SABINE LIDL

Die allermeiste Zeit war Sabine im Schneideraum dabei – für mich zunächst etwas ungewohnt aber nicht zuletzt führte das zu einem sehr vertrauensvollen und sehr intensiven Austausch zwischen uns. Der Riecher von Irene, dass dieses Projekt das Richtige für mich sein könnte, hat sich bewahrheitet.

Bereits in der Sichtungsphase haben wir schnell gemerkt, dass wir Gemeinsamkeiten haben und uns viel zu sagen haben. Wir haben eigene Erfahrungen mit körperlichen Dingen und mit dem Frausein ausgetauscht. In Siris Werk geht es viel um Beziehungen – zwischen Frauen und Männern, zwischen Frauen untereinander, alten und jungen Frauen - ihren Rollen in der Gesellschaft. Es war gut, dabei nicht allein zu sein, sondern auch im Schneideraum immer in einer Beziehung zu sein, während man diese Themen verhandelt.

Meine künstlerischen Freiheiten hatte ich dabei trotzdem. Sabine hat viel beobachtet, Fragen gestellt oder parallel an anderen Dingen gearbeitet – Textstellen raussuchen etc. –, während ich geschnitten habe. Anstatt endlos zu diskutieren, haben wir viel dupliziert und einfach ausprobiert. Das liebe ich. Bei der Baroness Szene haben wir zum Beispiel viel und produktiv debattiert. Mir war es dabei immer sehr wichtig die Dinge verständlich zu machen.

Ich finde es toll, wie Sabine an der Geschichte dran geblieben ist. Sie ist eine echte Kämpferin mit einem ehrlichen Anliegen: die Themen richtig zu erzählen – mit großem Respekt im Umgang mit Trauer und Tod. Unser Schneideraum war ein geschützter Ort für uns und für das, woran wir gearbeitet haben. Aus dieser gemeinsamen Arbeit ist eine Freundschaft entstanden, und wir haben Lust, weiter zusammenzuarbeiten.

6. DER ARBEITSALLTAG

Wir hatten eine recht strukturierte Zusammenarbeit: 10 bis 19 Uhr, mit einer Stunde Mittagspause. Da ich das andere Projekt hatte, waren unsere Tage wirklich ausgezählt – wenig Spielraum. Das Einzige, was schwankte, war die Mittagspause.

Da wir im kalten Winter angefangen haben zu schneiden, gab es anfangs viel Tee. Oft brachte eine von uns morgens etwas vom Bäcker mit. Wir haben immer geteilt – nicht nur das Inhaltliche, sondern auch das Essen. Beim täglichen Mittagessen waren wir fast jeden Tag beim gleichen Thailänder und haben immer ein Gericht geteilt. Das galt für alles, was an Knabberzeug oder Kuchen da war: immer in zwei Hälften.

7. ÜBER FILMLÄNGE UND SCHNITTFASSUNGEN

Von Anfang an war klar, dass es das kein 90-Minuten-Film wird, obwohl wir beide große Fans dieses Formats sind. Wir wussten, dass wir uns eher in Richtung 120min. bewegen würden. Der fertige Film ist 115min. lang.

Wir haben uns beim ersten Durchgang kein Limit gesetzt. Es gab eher eine gespannte Neugier: Wie lang sind wir jetzt? Und als Pauls Krankheit und Tod in den Film kamen, war es interessant zu sehen, bei welcher Minute wir uns befinden und wie viel noch dahinter kommt. Durch viel Vorarbeit, Vorsortierung und szenisches Vorschneiden hatten wir keine Vier-Stunden-Version. Die ersten Fassungen waren etwas länger als der fertige Film, aber nicht viel.

8. MONTAGE ALS HALTUNG

Für mich ist Montage Intuition, Assoziation, Rhythmus und Fluss. Mir wird oft nachgesagt, dass mein Schnitt sehr fließend ist. Die Bildkomposition spielt dabei eine große Rolle: Ich lege mir während der Suche nach dem nächsten Bild oft das vorherige in den Source Monitor und schaue, wie es im Übergang passt. Beim Scrollen durch meinen Schnitt schaue ich, ob mich eine Bewegung stört oder aneckt.

Montage ist für mich nicht nur technischer Schnitt, sondern Fluss herstellen, Kondensat, Prozess und Suche. Ich glaube, dass dort die besten Filme entstehen, wo ein Film die nötige Zeit hat, diesen Prozess zu durchlaufen, und das Vertrauen aller Beteiligten genießt.

Montage ist Collage und Kombination: Dinge in Relation bringen, komplexe Zusammenhänge verständlich machen und dabei den Zuschauern immer etwas zutrauen. Die Herausforderung besteht darin, dem Zuschauer seine Freiheiten zu lassen, eigene Anknüpfungspunkte zu machen – aber vorher alle nötigen Informationen mitzugeben, damit ein Thema erfassbar wird.

9. MUSIK

Der Filmkomponist Balz Bachmann, ein Schweizer, stand von Anfang an fest. Wir haben von Beginn an mit seinen Musikstücken als Layout gearbeitet. Nur an wenigen Stellen hatten Sabine und ich eine eigene Vorstellung, die wir mit fremden Stücken als Platzhalter angelegt haben – Walzer für die Routine zwischen Siri und Paul, New Yorker Trompete an bestimmten Stellen, das Intro. Auf diese Vorlagen hat Balz reagiert und seine eigene Musik komponiert.

Am Ende ist eine sehr schöne Musik entstanden, die präsent ist, ohne zu überlagern. Sie hat schöne thematische Wiederkehrungen und etwas ganz Eigenes. Das Einzige, was nicht von Balz stammt, ist der Filmabspann. Der Introsong ist eine treffende Interpretation dessen, was Siri ist: die Tanzende und Komplexe.

10. ZEICHNUNGEN, ANIMATION UND ARCHIVFILM

Von Anfang an waren Animationen geplant, und auch Siris Zeichnungen im Film zu zeigen und zu animieren. Im Schnitt entstand dann die bewusste Reduktion darauf, als uns klar wurde, was für ein Schatz Siris Zeichnungen sind und dass wir nicht viel mehr brauchen. Später dazugekommen sind ein paar tolle Hintergründe und Animationen von Hannah Levy. Zum Beispiel der fliegende Uterus, um das Thema Hysterie zu erzählen, oder eine New Yorker Straßenszene mit einer laufenden Figur, die Siri von der Baroness gezeichnet hat. Diese Reduktion ist total schön und erzählt im Schnitt sehr viel.

Siri hat ihr Leben lang gezeichnet und viele der Zeichnungen für unsere Animationen stammen aus dem Buch „Memories of the Future". Sie erzählt, dass beim Erscheinen des Buches völlig ignoriert wurde, dass es ihre Zeichnungen enthält – sie hat sich als Künstlerin übergangen gefühlt. Deswegen war es uns wichtig, den Zeichnungen ihren Platz zu geben und ihren schlichten Charakter – oft einfache Strichzeichnungen – zu bewahren, anstatt eine vollständige Animation daraus zu machen.

Ich habe früh einen Experimentalfilm aus den 1920er Jahren recherchiert, weil ich eine Visualisierung für die körperlichen Themen suchte, die Siri so sehr beschäftigen. Es war verblüffend, wie sehr dieser Film als Visualisierung für Siris Migräne-Anfälle passt.

11. DIE PREMIERE

Siri habe ich das erste Mal bei der Filmpremiere auf der Berlinale gesehen und umarmt. Es war sehr herzlich. Auf der Bühne hat sie mich erwähnt und mehrfach betont, dass der Film Sabines Werk ist – und das aller anderen künstlerisch Beteiligten. Man merkt auch darin wieder diese Haltung: Siri ist es wichtig, dass künstlerische Arbeit sichtbar gemacht und klar benannt wird. Ihr hat der Film sehr gut gefallen.

Unsere große Sorge – aber auch unser Anliegen – war, ob Siri sich gesehen, richtig porträtiert und richtig wiedergegeben fühlt. Wir wollten dem gerecht werden, diese Person in ihrer Komplexität zu zeigen – stellvertretend für all die anderen Frauen, für die sie steht.

 

ECKDATEN:

Schnittzeit: 22 Wochen

Schnittsystem: AVID

Gedreht: mit zwei Kameras