Zum Hauptinhalt springen

Im Schneideraum mit Susanne Ocklitz über "Der Heimatlose"

| Magazin

DER HEIMATLOSE // KAI STÄNICKE

13 Jahre Zusammenarbeit, ein Debütfilm – und ein Schnittprozess am Limit: Susanne Ocklitz gibt Einblick in die Entstehung von DER HEIMATLOSE – dem Teddy-Award-prämierten Berlinale-Film von Regisseur Kai Stänicke. Von extremen Arbeitsphasen über kreative Schnittmethoden bis hin zu den Herausforderungen eines ausschließlich draußen gedrehten Films – dieses Gespräch zeigt, wie viel Präzision, Intuition und Durchhaltevermögen im Schneideraum gefragt sind, damit aus Material ein toller Kinofilm wird. Filmemachen at its best.

1. Langjährige Zusammenarbeit – und der Sprung zum Langfilm

Obwohl DER HEIMATLOSE ein Debütfilm ist, arbeite ich bereits seit rund dreizehn Jahren mit Kai zusammen. Ich habe alle seine Kurzfilme und Musikvideos geschnitten, daher war von Anfang an klar: Wenn er seinen ersten Langfilm macht, werde ich ihn schneiden.

Trotz dieser Vertrautheit war die Zusammenarbeit bei einem Langfilm noch einmal etwas ganz anderes. Statt fünf bis acht intensiven Tagen wie bei Kurzfilmen erstreckt sich der Prozess über viele Wochen. Gleichzeitig mussten wir uns nicht erst finden – das Vertrauen war da, und genau das hat die Arbeit besonders gemacht.

Ursprünglich waren 14 Wochen für den Schnitt vorgesehen – aus meiner Sicht sehr ambitioniert, gerade für einen Debütfilm. Wie so oft wurde gehofft, im Schnitt sparen zu können. Am Ende haben wir länger als die kalkulierten 14 Wochen gebraucht.

Da ich direkt im Anschluss in ein neues Projekt eingebunden war, kam es zu einer extrem intensiven Phase: neun Wochen ohne Pause durchschneiden. Unter der Woche arbeitete ich bereits am nächsten Film, an den Wochenenden weiter an DER HEIMATLOSE. Das war eine enorme Belastung und ich habe mir sehr genau überlegt, ob ich das durchhalten kann. Nur mit dem Rückhalt meines Mannes, der fast täglich für mich gekocht hat, einem positivem Mindset und genügend Schlaf, war das letztendlich möglich.

Und es wäre auch sehr schwer für mich gewesen, den Film kurz vor Schluss aus der Hand zu geben. Für die Regie wäre ein Wechsel im Schnitt ebenfalls schwierig. Rückblickend: eine ziemlich extreme, aber wichtige Phase. Muss ich aber nicht so bald wieder haben.

2. Dreharbeiten unter freiem Himmel – und ihre Folgen im Schnitt

Der Film wurde komplett mit Handkamera gedreht, um möglichst nah an der Hauptfigur zu bleiben. Gedreht wurde ausschließlich draußen – was besondere Herausforderungen mit sich brachte.

Ironischerweise hatten wir weniger düsteres Nordsee-Wetter als erwartet. Stattdessen viele windige, sonnige Tage, die zu starken Wechseln zwischen Sonne und Schatten, durch die schnell ziehenden Wolken führte. Diese Lichtwechsel waren später insbesondere in der Farbkorrektur anspruchsvoll.

Im Schnitt habe ich diese Problematik zunächst bewusst ignoriert und mich auf die inhaltliche Ebene konzentriert. Erst wenn technische Unterschiede zu stark wurden, haben wir Alternativen geprüft. Interessanterweise war das selten notwendig – oft ließen sich Lösungen durch kleine Zwischenschnitte finden, so dass man „schummeln“ konnte.

Selbst wenn unser Kameramann Florian Mag bei Screenings noch skeptisch war, fiel es dem Publikum selten auf. Das bestätigt einmal mehr: Wahrnehmung funktioniert anders als technische Perfektion. Und natürlich hat Flo mit dem Kollegen in der Farbkorrektur die ganze Arbeit geleistet.

3. Das „Stapel-System“ – unsere besondere Arbeitsweise

Durch unsere langjährige Zusammenarbeit haben wir eine eigene Methode entwickelt, die wir „Stapel-System“ nennen.

Wenn mehrere Takes für einen Anschluss infrage kommen, legen wir die vielen Varianten parallel übereinander auf die Timeline. Das funktioniert so: Figur A kommt rein und führt ein Gespräch mit der Figur B, wir wollen auf die Figur B umschneiden. Es ist klar, dass wir beide die Stelle mögen und genau hier umschneiden wollen. Für die Umschnittmöglichkeiten von der Figur A gibt es fünf Takes, davon sind drei die Favoriten. So legen wir die drei Favoriten in der Timeline übereinander. Also haben wir drei Schnittmöglichekiten von der Figur A auf der Timeline.

Im Anschluss für den Umschnitt auf Figur B gibt es sieben Takes, die wir mögen. So wechseln wir immer durch. Der erste Favorit mit den Anschlüssen 1/2/3/4/5/6/7 - liegt ganz oben auf der Timeline. Der zweite Favorit in der Mitte auf der Timeline mit den Anschlüssen 1/2/3/4/5/6/7 und der dritte Favorit ganz unten auf der Timeline mit den Anschlüssen 1/2/3/4/5/6/7. Und dann wechseln wir immer durch, dabei mute ich die einzelnen Clips, die nicht gesehen werden müssen:

  • Deine Favoriten?
  • Zwei und Sieben.
  • Okay, meine sind vier und sieben.

Dann gucken wir die uns noch mal an und schmeißen alle nacheinander raus, die uns nicht gefallen. So haben wir am Ende die für uns perfekte Kombination aus Schnitt auf Figur A und Figur B.

Das klingt ein bisschen kompliziert, geht aber zack-zack bei uns.

Das ist besonders effektiv, wenn man sich intuitiv noch nicht festlegen kann.

Hinzu kam, dass die Sprache im Film bewusst altertümlich ist. Die Schauspieler mussten sich stark hineinfinden, wodurch Versprecher häufiger vorkamen. Deshalb haben wir sehr oft „die besten“ einzelne Worte aus verschiedenen Takes zusammengesetzt.

4. Vom Rohschnitt zur finalen Fassung

Den Assembly-Schnitt habe ich parallel zum Dreh allein gemacht, nach Drehbuch, ohne Kürzungen, alles rein.  1,5 Wochen nach Drehende kam Kai dann dazu. Als wir dann den ersten Rohschnitt zusammen geguckt haben, war das – wie so oft – eine Herausforderung. Es entspricht nie dem, was man sich ursprünglich vorgestellt hat. Und gerade beim eigenen Debütfilm ist das natürlich nochmal was ganz anderes.   

Die erste Fassung lag bei etwa 2 Stunden 40 Minuten, die finale Version liegt bei knapp unter zwei Stunden.

Die Struktur des Films war komplex und auch schon im Drehbuch sehr klug angelegt: Wir hatten unterschiedliche Erinnerungsebenen diverser Figuren an verschiedene Ereignisse sowie drei Zeitebenen – Gegenwart, Kindheit und mittleres Alter der Hauptfigur Hein (Paul Boche), die eng miteinander verwoben waren. Diese Verflechtungen machte das Kürzen schwierig, da schnell Verständnisebenen verloren gehen konnten.

5. Zentrale Herausforderungen im Schnitt

Eine große Baustelle waren die Rückblenden. Einmal die Erinnerungen der Hauptfigur selber an seine Kindheit und andererseits die Erinnerungen der Dorfbewohner. Hier ging es darum, das richtige Maß zu finden: Wann Erinnerung? Wie viel Erinnerung? Wessen Erinnerung? Über Bild, Ton oder Voice-over? Wir haben viel rumprobiert – von visuellen Impulsen mit kurzen flachartigen Bildern bis hin zu Bewegungsanschlüssen der Hauptfigur.

Weiterhin gab es eine besonders anspruchsvolle zentrale Szene am Feuer rund um ein Kartenspiel, das dramaturgisch entscheidend ist. Der Zuschauer musste gleichzeitig verstehen:

  • wie das Spiel funktioniert
  • dass die Figur es begreift
  • dass die Figur jetzt gewinnen wird
  • dass die Figur lügen kann
  • und dass sie es zu ihrem Vorteil nutzen kann

Diese Szene haben wir lange vor uns hergeschoben – und intensiv mit ihr gerungen. Umso schöner war es - mit Abstand bei der Teampremiere festzustellen, dass sie funktioniert.

6. Zusammenarbeit mit Kai Stänicke

Das Schönste an der Arbeit mit Kai ist Kai selbst. Er hat ein starkes Gespür für Atmosphäre und Teamdynamik und schafft es, einen produktiven, positiven Arbeitsraum zu gestalten.

Wir haben als echtes Team gearbeitet – oft auch gegen Widerstände. Ob zusätzliche Schnittzeit, Testscreenings oder VFX: Wenn wir überzeugt waren, haben wir dafür gekämpft.

Kai ist offen, emphatisch und zugleich entschlossen – eine Kombination, die eine Zusammenarbeit besonders wertvoll macht.

7. Der Rhythmus im Schneideraum

Unser Arbeitsalltag hatte eine klare Struktur. Wir trafen uns gegen 9:30 Uhr im Schneideraum bei Post Republic in Kreuzberg.

Der Tag begann ritualisiert: 2 Kannen grünen Tee vorbereitet und noch einen Kaffee für mich. Danach konzentriertes Arbeiten bis zum Mittag, Essen in der Schlesischen Straße, ein kurzer Stopp an der Süßigkeitenbox, eine zweite Tasse Kaffe für mich – und weiter ging es.

Der Blick aus dem Fenster in den weitläufigen Hinterhof mit großem Baum war ein wichtiger Teil unseres Denkprozesses. Es wurde Winter und der Baum sah je nach Wetterlage anders aus und war immer ein Hingucker. Immer wenn wir nachgedacht, geredet oder Ideen entwickelt haben, haben wir uns unbewusst zum Fenster gedreht und beide in die Weite geguckt. Wenn wir Glück hatten, sprang das Eichhörnchen, was öfter auf dem Baum unterwegs war, auch noch in dem Moment zum nächsten Ast.

Wir haben bewusst selten überzogen, um die Konzentration zu halten. Gegen 18:30 Uhr war meist Schluss. Kleine Pausen gab es nur über die Winterfeiertage: 22. Dezember bis 1. Januar.

8. Set-Realität und kreative Lösungen

Das Set bestand aus offenen Häusern, teilweise nur mit ein oder zwei Wänden – ursprünglich aus Budgetgründen, später bewusst als ästhetische Entscheidung genutzt.

Diese Offenheit verlieh dem Film eine fast bühnenhafte Qualität und spiegelte zugleich die Geschichte wider. Die Dorfbewohner spielen alle eine Rolle und stehen ständig auf einer „Bühne“.

Auch die historischen Kostüme und Masken – Hauben, Bärte, müde Gesichter – verlangten viel Zeit, die dem Dreh wiederum fehlte. Die Produktion war darauf bedacht, keine Überstunden zu machen. Für den Dreh hat es gereicht, nur konnte Kai nicht sehr üppig auflösen, was den Schnitt zusätzlich forderte.

9. Arbeitsweise und Schnittorganisation

Meine Timeline ist farbcodiert: Szenen, Rückblenden und sogar Drohnenaufnahmen („göttliche Perspektive“) haben eigene Farben.

Ich schneide gern linear – alle Szenen direkt hintereinander und dann arbeite ich immer in der kompletten Sequenz weiter. Unterschiedliche Optionen zu einzelnen Szenen lege ich separat ab.

Julia Schwalbe, meine Haupt-Assistentin, bereitete Stills für die Wand vor, die ich letztlich nicht genutzt habe. Irgendwann war ich so tief im Prozess, dass ich darauf verzichtet habe.

10. Ausblick

Der Kinostart von DER HEIMATLOSE ist am 6. August 2026 geplant.
Im Moment ist der Film auf mehreren tollen Festivals zu sehen, z.b. Auf dem Filmfest Lichter in Frankfurt am 1.Mai, beim 35. Filmkunstfest MV am 8. Mai und beim 23. Neisse Filmfestival Ende Mai.

 

ECKDATEN:

Schnittzeit: 17 Wochen

Schnittsystem: AVID

Gedreht: nur draußen und mit einer Kamera.