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Weiterbildung im Schnitt

| Magazin

Weiterbildung im Schnitt: Wir wissen, dass wir dranbleiben müssen. Aber wer gibt uns die Zeit dafür?

Software-Updates, neue Workflows, andere Lieferanforderungen, Remote-Schnitt, KI-Tools, Transkription, Untertitel, Archivmaterial, neue Übergaben an Ton, Grading und VFX: Wer im Schnitt oder in der Postproduktion arbeitet, kennt das Gefühl, dass sich der Beruf ständig ein Stück weiterbewegt. Manchmal langsam, manchmal ruckartig. Und oft genau dann, wenn das aktuelle Projekt ohnehin schon eng getaktet ist.

Die neue Studie „Die Weiterbildungsaktivitäten der Beschäftigten in der Bewegtbildbranche zwischen November 2024 und November 2025“ von WI BEWEGT (ein Kooperationsprojekt zwischen Erich Pommer Institut und Produktionsallianz Campus GmbH) liefert dazu interessante Zahlen. Sie zeigt sehr deutlich: Weiterbildung ist in unserer Branche nicht einfach ein nettes Zusatzangebot. Sie ist längst Teil der beruflichen Realität. Gleichzeitig passt das, was an Weiterbildung strukturell vorhanden ist, oft nicht gut genug zu der Art, wie wir arbeiten. Besonders für Filmschnitt und Postproduktion wird in den Daten ein Widerspruch sichtbar: Der technologische Druck ist hoch, aber die tatsächliche Weiterbildungsaktivität im Schnitt liegt auffallend niedrig.

Die Weiterbildungsaktivitäten der Beschäftigten in der Bewegtbildbranche zwischen November 2024 und November 2025 (PDF)

An der Befragung nahmen insgesamt 332 Filmschaffende teil. Abgefragt wurden unter anderem Beschäftigungsform, Arbeitsumfang, Bildungsabschluss, Weiterbildungsaktivitäten, Motive, Hindernisse und Finanzierung. Die Auswertung erfolgt nicht auf Ebene einzelner Gewerke, sondern in zusammengefassten Departmentkategorien. Für uns ist deshalb wichtig: Der Bereich Editing/Bildbearbeitung macht in der Stichprobe 5 Prozent aus. Die Zahlen sind also kein vollständiges Bild aller Editor:innen in Deutschland. Aber sie sind ein sehr deutlicher Hinweis darauf, wo es hakt.

Und es hakt nicht daran, dass Menschen im Schnitt kein Interesse an Weiterbildung hätten.

Im Gegenteil.

Bei den Gründen für Weiterbildung nennt der Bereich Editing/Bildbearbeitung zu 100 Prozent die Anpassung an technologischen Wandel. Das ist der höchste denkbare Wert und vermutlich für niemanden überraschend, der regelmäßig im Schneideraum sitzt. Zusätzlich nennen jeweils 71 Prozent beruflichen Aufstieg, bessere Bewältigung des Jobs und persönliche Weiterentwicklung als Gründe für Weiterbildung. Gesetzliche Anforderungen oder Verpflichtungen durch Arbeitgeber spielen dagegen in dieser Gruppe keine Rolle.

Das erzählt ziemlich viel über unseren Beruf. Im Schnitt kommt Weiterbildung selten als offizielle Aufforderung von außen. Niemand sagt automatisch: „Hier ist bezahlte Zeit, damit du dich in Ruhe mit neuen Workflows beschäftigen kannst.“ Viel häufiger läuft es anders. Ein Projekt bringt neue Anforderungen mit. Ein System wird umgestellt. Eine Produktion will plötzlich einen anderen Austauschprozess. Ein Tool taucht auf, das angeblich alles einfacher macht, aber erst einmal verstanden, getestet und sinnvoll eingeordnet werden muss. Und dann lernt man eben. Abends, zwischen Projekten, im Austausch mit Kolleg:innen, über Tutorials, in Foren, in der Praxis. Das ist Weiterbildung. Sie sieht nur oft nicht so aus, wie Weiterbildung in klassischen Statistiken aussieht. Gerade deshalb ist ein anderer Wert aus der Studie so auffällig: Durchschnittlich wurden über alle Befragten hinweg 1,6 Weiterbildungen pro Person absolviert. Im Bereich Schnitt liegt der Mittelwert dagegen nur bei 0,7. Auch Animation/Postproduktion/VFX liegt bei 0,7. Ton-Postproduktion kommt auf 1,4 und liegt damit näher am Gesamtdurchschnitt, aber immer noch darunter.

Das heißt: Ausgerechnet dort, wo technologische Veränderung sehr stark wirkt, wird vergleichsweise wenig klassische Weiterbildung wahrgenommen. Daraus sollte man nicht schließen, dass Editor:innen zu wenig lernen. Wahrscheinlicher ist: Es wird viel gelernt, aber oft informell, ungeplant, unbezahlt und ohne gute Struktur.

Die Studie bestätigt dieses Bild auch insgesamt. 43 Prozent der Befragten geben an, in den vergangenen zwölf Monaten informelle Lernformen genutzt zu haben — also etwa Selbststudium, Lernvideos oder Austausch mit Kolleg:innen. 31 Prozent nutzten non-formale Angebote wie Kurse, Seminare oder Workshops. Formale Bildung, also längere Bildungswege mit anerkanntem Abschluss, spielt mit 12 Prozent eine deutlich kleinere Rolle. Für den Schnitt ist das sehr plausibel. Viel Wissen entsteht nicht im Seminarraum, sondern im konkreten Projekt: Wie löse ich ein technisches Problem? Wie organisiere ich Material sauber? Wie kommuniziere ich mit Ton, VFX oder Grading? Wie baue ich einen Workflow, der nicht nur bei mir funktioniert, sondern auch bei der Übergabe hält? Wie setze ich neue Tools ein, ohne die gestalterische Arbeit aus dem Blick zu verlieren? Das sind keine Kleinigkeiten. Das ist berufliches Wissen. Und es ist oft genau das Wissen, das Produktionen am Ende rettet, beschleunigt oder überhaupt erst sauber abschließbar macht.

Die Studie zeigt außerdem, wie stark die besondere Beschäftigungssituation in der Bewegtbildbranche Weiterbildung erschwert. 43 Prozent der Befragten arbeiten auf Projektbasis, 27 Prozent sind selbständig, 24 Prozent kombinieren verschiedene Erwerbsformen. Nur 6 Prozent sind fest angestellt. Das ist ein entscheidender Unterschied zu vielen anderen Branchen. Weiterbildung kann bei uns häufig nicht einfach über einen Arbeitgeber organisiert werden. Es gibt oft keine Personalabteilung, keinen festen Fortbildungsetat, keine bezahlte Freistellung, keine langfristige Planung.

Dazu kommen hohe Arbeitszeiten. Ein großer Teil der Befragten gibt Wochenarbeitszeiten zwischen 41 und 60 Stunden an. Auch das kennt die Branche gut: Wenn ein Projekt läuft, läuft es. Dann sind Abgaben, Abnahmen, Änderungswünsche, technische Fragen und kreative Entscheidungen selten so planbar, dass daneben noch entspannt ein mehrtägiger Kurs besucht werden kann. Weiterbildung muss also in eine Arbeitsrealität passen, die oft unregelmäßig, projektförmig und dicht getaktet ist. Genau daran scheitern viele Angebote.

Bei den Gründen für Nichtteilnahme werden in der Studie vor allem strukturelle Hindernisse genannt. Im Gesamtdurchschnitt sind es fehlendes Geld, fehlende passende Angebote, fehlende Angebote am Standort und fehlende Zeit. Für den Bereich Editing/Bildbearbeitung sind die Zahlen besonders deutlich: 56 Prozent nennen kein Geld als Grund, jeweils 33 Prozent nennen keine Zeit, kein passendes Angebot, kein Angebot am Standort und keinen Bedarf.

Der Geldwert ist dabei besonders auffällig, denn über alle Befragten hinweg liegt „kein Geld“ bei 41 Prozent. Im Schnitt ist diese Hürde also noch stärker ausgeprägt. Das ist kein kleines Detail. Viele Editor:innen arbeiten selbständig oder projektbezogen. Wer Weiterbildung macht, bezahlt sie oft selbst und nimmt sich dafür zusätzlich unbezahlte Zeit. Damit wird Weiterbildung schnell zur privaten Investition in eine Arbeitsfähigkeit, von der am Ende die ganze Produktion profitiert.

Auch bei der Finanzierung zeigt die Studie eine deutliche Schieflage. 57 Prozent der beruflichen Weiterbildungen wurden privat finanziert. Unternehmen übernehmen nur bei 11 Prozent eine Rolle. Die Arbeitsagentur wird mit 9 Prozent genannt, Berufsverbände und Filmförderungsanstalten beziehungsweise Förderungen von Land, Bund oder EU jeweils mit 5 Prozent. Gleichzeitig geben 67 Prozent derjenigen, die an Weiterbildung teilgenommen haben, an, keine Förderung genutzt zu haben. Das muss man sich einmal in Ruhe anschauen: Eine Branche, die sich technisch und organisatorisch stark verändert, überlässt die Finanzierung von Weiterbildung zu einem großen Teil den einzelnen Filmschaffenden. Das ist auf Dauer kein stabiles Modell. Natürlich gehört Eigeninitiative zu unserem Beruf. Niemand im Schnitt wird darauf warten, dass einem alles erklärt wird. Aber Eigeninitiative kann nicht bedeuten, dass Qualifizierung dauerhaft privat organisiert, privat bezahlt und in Lücken zwischen Projekten gequetscht wird. Wenn Produktionen moderne, sichere, schnelle und saubere Postproduktionsprozesse erwarten, dann muss Weiterbildung auch als Teil dieser Produktionsrealität verstanden werden.

Gerade für den BFS ist das ein wichtiger Punkt. Weiterbildung ist nicht nur eine individuelle Frage. Sie ist eine berufspolitische Frage. Sie betrifft Honorare, Arbeitsbedingungen, Produktionsplanung, Förderstrukturen und die Anerkennung unserer Arbeit.

Interessant ist auch der regionale Blick. In Mitteldeutschland nennen 57 Prozent der Befragten ohne berufsbezogene Weiterbildung „kein passendes Angebot“ als Hemmnis. Das ist der höchste Wert in der regionalen Auswertung und liegt deutlich über dem Gesamtdurchschnitt von 42 Prozent. Für einen Standort wie beispielsweise Leipzig ist das ein klares Signal. Es reicht nicht, allgemein über Weiterbildung zu sprechen. Es braucht Angebote, die wirklich vor Ort oder zumindest gut erreichbar sind. Oder Formate, die hybrid funktionieren. Oder kurze, praxisnahe Veranstaltungen, die sich mit dem Berufsalltag vereinbaren lassen.

Auch Peer-to-Peer-Formate könnten hier eine große Rolle spielen. Editor:innen lernen ohnehin viel voneinander. Warum also nicht genau das stärken? Kolleg:innen zeigen Kolleg:innen, wie sie arbeiten. Welche Fehler sie gemacht haben. Welche Workflows funktionieren. Welche Tools überschätzt werden. Welche kleinen Tricks im Alltag wirklich helfen. Das muss nicht immer ein teurer Kurs sein. Manchmal reicht ein guter Abend, eine konzentrierte Online-Session, ein Werkstattgespräch oder ein offenes Treffen mit konkretem Thema. Organisiert euch innerhalb der Städte und tauscht euch mehr aus – wir alle profitieren davon, wenn der BFS als sichere Bank für Produktionshäuser und Produzent:innen zählt.

Gleichzeitig darf Weiterbildung nicht nur auf Berufseinsteiger:innen zielen. Die Studie zeigt, dass die Branche insgesamt erfahren ist. Viele Befragte arbeiten seit mehr als elf Jahren in der Branche. Im Bereich Editing/Bildbearbeitung liegt das Durchschnittsalter bei 42,3 Jahren und damit unter dem Gesamtdurchschnitt von 46,3 Jahren, aber auch das ist keine Gruppe am Anfang ihrer Laufbahn. Außerdem hat Editing/Bildbearbeitung mit 63 Prozent Hochschulabschluss einen vergleichsweise hohen formalen Bildungsstand. Über alle Befragten hinweg liegt der Anteil der Hochschulabschlüsse bei 54 Prozent. Das bedeutet: Weiterbildung im Schnitt ist nicht vor allem Nachqualifizierung. Es geht nicht darum, grundlegende Berufsfähigkeit herzustellen. Es geht darum, vorhandene Erfahrung aktuell zu halten, neue Entwicklungen einzuordnen und professionelle Handlungsfähigkeit zu sichern. Gerade erfahrene Editor:innen brauchen nicht unbedingt Grundlagenkurse. Sie brauchen Angebote, die ihre Praxis ernst nehmen.

Ein weiterer spannender Punkt der Studie ist die Frage nach einem individuellen Bildungskonto. 78 Prozent der selbständig oder projektbezogen Beschäftigten würden ein solches Modell begrüßen. Ein Bildungskonto, das während der Beschäftigung wächst und flexibel für Weiterbildung genutzt werden kann, würde gut zu unserer Branche passen. Denn unsere Erwerbswege sind selten linear. Projekte wechseln, Beschäftigungsformen wechseln, Arbeitsphasen und Pausen wechseln. Weiterbildung müsste deshalb unabhängiger von einzelnen Arbeitgebern gedacht werden.

Am Ende macht die Studie vor allem eines deutlich: Die Kolleg:innen in der Bewegtbildbranche wissen sehr genau, dass Weiterbildung wichtig ist. Sie investieren Zeit, Energie und oft eigenes Geld. Aber die Strukturen halten mit dieser Bereitschaft nicht Schritt. Für den Schnitt und die Postproduktion ist das besonders relevant. Unser Bereich ist stark von technologischen Veränderungen betroffen. Gleichzeitig findet Weiterbildung häufig unsichtbar statt: in der Freizeit, im Projekt, im Austausch, im Selbststudium. Diese Lernleistung muss stärker gesehen und besser unterstützt werden.

Wenn wir über die Zukunft des Filmschnitts sprechen, sollten wir deshalb nicht nur über KI, Software oder neue Workflows sprechen. Wir sollten auch darüber sprechen, wer eigentlich die Zeit bekommt, diese Entwicklungen zu verstehen. Wer die Kosten trägt. Wer Angebote entwickelt, die nicht an der Praxis vorbeigehen. Und wie wir verhindern, dass Weiterbildung zu einer weiteren privaten Belastung in einem ohnehin stark belasteten Beruf wird. Die Studie liefert dafür eine gute Grundlage. Sie zeigt nicht nur, dass Weiterbildung wichtig ist. Sie zeigt auch, wo die Lücken liegen: bei Finanzierung, Passung, Zeit und Zugang.

Für den BFS kann daraus ein klarer Auftrag entstehen: Bedarfe sichtbar machen, passende Formate anstoßen, regionale und digitale Angebote stärken, Kooperationen suchen und politisch dafür eintreten, dass Weiterbildung im Schnitt nicht länger als Privatsache behandelt wird. Denn am Ende geht es nicht um ein Zertifikat mehr oder weniger. Es geht um die Qualität unserer Arbeit. Um Anschlussfähigkeit. Um faire Bedingungen. Und um die Frage, wie wir als Editor:innen und Postproduktionsschaffende in einer Branche arbeiten wollen, die sich weiter verändert — ob wir dafür Strukturen bekommen oder weiterhin alles irgendwie nebenbei auffangen sollen.